Ingo Bading

32 posts · 9,343 views

I have studied history, biology, philosophy and at the moment I'm interested in the study of the relationship between kinship-altruism and divsion of labour. - Also interested in the reproductive benefits of religiosity ("Evolutionary Religious Studies"). Also interested in the demography of complex societies, all new trends of human genetics, sociobiology, the philosophy of a naturalistic worldview and the new forms of non-monotheistic religiosity and philosophy in the 20th century in Germany, Europe and worldwide.

Sort by Latest Post, Most Popular

View by Condensed, Full

  • August 29, 2011
  • 07:21 AM
  • 90 views

4.100 v. Ztr. - "Tertiäre Neolithisierung" im Alpen-, Ostsee-, Nordsee- und Nordschwarzmeer-Raum

by Ingo Bading in Studium generale

Der derzeit "meistgelesene Artikel" der "Prähistorischen Zeitschrift"

Es ist der derzeit "meistgelesene Artikel" auf der Internetseite der "Prähistorische Zeitschrift" (1). Ein Aufsatz aus dem Jahr 2009 über die "tertiäre Neolithisierung" Europas um 4.100 v. Ztr.. Verfaßt von dem Berliner Archäologen Wolfram Schier (s. Abb. 1). Also darüber, wie sich die seßhafte, landwirtschaftliche Lebensweise in Europa ausbreitete vor sechstausend Jahren in einem dritten "Schub". Nach dem primären im Balkanraum und an den Meeresküsten (um 6.500 v. Ztr.) und nach dem sekundären des mitteleuropäischen Binnenlandes (Linearbandkeramik, um 5.700 v. Ztr.). Der Aufsatz gibt einen umfassenden und zugleich detailscharfen Überblick über die Thematik. Er ersetzt die Vorstellung einer stetig und allmählich fortschreitenden "Wave of Advance"-Neolithisierung Europas durch das viel wirklichkeitsnähere Modell der "arythmischen" Neolithisierung (ebenso auch: 13).*)... Read more »

  • August 13, 2011
  • 04:05 AM
  • 81 views

Von Königen und Mäusen

by Ingo Bading in Studium generale

Die Warna-Kultur (4.400 v. Ztr.), das erste von Indogermanen gegründete Königreich - Ort der "Domestikation" der osteuorpäischen Hausmaus? Eine neue Studie über die früheste Ausbreitung der osteuropäischen Hausmaus (1) gibt Anlaß, sich mit der Warna-Kultur in Nordbulgarien, dem möglicherweise ältesten Königreich Europas - und damit möglicherweise auch dem Domestikationsort der osteuropäischen Hausmaus - eingehender zu beschäftigen.Die Ausbreitung des Getreideanbaus (seit 9.500 v. Ztr.)Zur historischen und geographischen Einordnung des Themas dieses Beitrages seien zunächst allgemeinere Ausführungen vorangeschickt. Der Anbau von Getreide und dörfliche Siedlungsweise entstanden in der heutigen südlichen Türkei um 9.500 v. Ztr. und breiteten sich von dort in alle Richtungen aus. Sehr bald wurden im Levanteraum aus Dörfern Städte mit 10.000en von Einwohnern. Hier entstand auch die westeuropäische Hausmaus. Um 6.200 v. Ztr. breitete sich der Keramikgebrauch und der Anbau von Getreide, sowie auch die Rinderzucht rund um das gesamte Mittelmeer und auf dem Balkanraum aus. (Daß dies auf dem Wege der Schiffahrt passierte, was lange Zeit die Forscher nicht so recht hatten glauben können, ist neuerdings auch durch die Erforschung des ungewöhnlichen Verbreitungsgebietes einer bestimmten Landschnecken-Art über Algerien, Sardinien und Südfrankreich, sowie durch deren früheste molekulargenetische Datierung auf etwa 6.000 v. Ztr. bekräftigt worden [2].) Der Getreideanbau breitete sich auch über das gesamte Zweistromland (Mespotamien) und seine Randgebiete (Zagros-Gebirge, Grenze heutiger Iran/Irak) hinweg aus (die berühmte Hassuna-, Samarra- und Halaf-Kulturen mit ihrer bunten, prächtigen Keramiken).Um 5.700 v. Ztr. schließlich entstand am Plattensee in Ungarn die mitteleuropäische Kultur der Bandkeramik und breitete sich mit ihren einzelstehenden oder in Weilern gruppierten Langhäusern über ganz Mitteleuropa aus. (In ihr haben sich bislang - soweit absehbar - keinerlei archäologische Hinweise auf Hausmäuse finden lassen.) Die Kultur der Linearkeramik ging um 4.800 v. Ztr. unter und wurde von regional enger umgrenzten Folgekulturen fortgesetzt. Auch im Balkanraum fanden die hier entstandenen dorfartigen neolithischen Kulturen ihre Fortsetzung. In Südserbien etwa in der sogenannten Vinca-Kultur, die auch schon weitläufige, stadtartige Zentren kannte (St. gen., 2007).Bis hierher handelt es sich übrigens durchgängig um Ackerbau- und Dorfkulturen, in denen auch sogenannte Muttergottheiten verehrt worden sind, oftmals bezeugt durch weibliche "Figurinen", mitschwingend auch noch in dem deutschen, vorindogermanische Wort "Weib" im Gegensatz zu dem indogermanischen Wort "Frau". Aus der Vinca-Kultur ging dann im heutigen Rumänien und der Ukraine die Cucuteni-Tripolje-Kultur (4.800 bis 3.200 v. Ztr.) hervor, die schon im Kontakt mit den halbnomadischen indogermanischen Steppenvölkern stand.Um 5.000 v. Ztr. entsteht im mesopotamischen Raum die sogenannte Obed-Kultur. Sie weist eine wesentlich einfachere, schlichtere Keramik auf und weist damit schon auf die Keramik der späteren Großreiche in diesem Raum hin. Spätestens um 4.200 v. Ztr. entstehen hier erste Städte (St. gen., 2008).Thrakien, das reiche Land am Südrand der russischen Steppenzone und am Schwarzen Meer (4.400 v. Ztr.)

Abb. 1: Thrakien in der Antike mit Odessos/Varna
Wie war nun der zeitgleiche Verlauf im Balkanraum? In der klassischen Antike hieß Bulgarien "Thrakien". Dieses Land, bewohnt von den Thrakern, war das Land, das sich nördlich von Griechenland entlang der Küste des Schwarzen Meeres bis zu dem nomadisch lebenden Volk der Skythen erstreckte. Im 7. Jhdt. v. Ztr. gründeten griechische Siedler aus Milet auf dem Gebiet der heutigen bulgarischen Stadt Warna die griechische Stadt Odessos. Nach neueren archäologischen Entdeckungen besaßen die antiken thrakischen Fürsten - aufgrund ihres Schwarzmeer-Handels und aufgrund der Viehzucht im Inland - einen unglaublichen Reichtum. Es sind hier ganz ungewöhnliche Goldschätze gefunden worden.

Abb. 2: Fürstengrab von Warna, u.a. mit Herrschersymbol (Streiatxt) 
Der wirtschaftliche Reichtum, der sich in diesem Raum ansammeln konnte, ist aber durch die Archäologie für den thrakisch-bulgarischen Raum auch schon für eine Zeit 4.000 Jahre früher dokumentiert. Und zwar in der berühmten Warna-Kultur  (Wikip., s.a. a). Sie ist benannt nach einem großen Gräberfeld in der Nähe der heutigen Stadt Warna. Eine Kultur, die heute auf den Zeitraum von 4.400 bis 4.100 / 3.600  v. Ztr. datiert wird. Mit ihren Fürstengräbern und Goldfunden, bekannt geworden unter anderem durch 294 erforschte Gräber, gilt sie als eine der ersten Manifestationen wohl nicht nur der Lebensform Stadt innerhalb von Europa, sondern von umfassenderen staatlichen Strukturen ("Reichen") im europäischen Bereich überhaupt.Aber nicht nur das. Warna liegt am Südrand der gewaltigen Steppenzone nördlich des Schwarzen Meeres, in der zuletzt nicht nur die Skythen gelebt haben, sondern in der mehrheitlich heute von der Forschung auch die Urheimat der Indogermanen 4.000 Jahre zuvor vermutet wird. Das hier lebende "Kurgan"-Volk (5.000 - 3.000 v. Ztr.) wird heute mehrheitlich als Träger jener urindogermanischen Sprache angesprochen, die sich ab 4.500 v. Ztr. mit ihren "patriarchaleren" Denkstrukturen über ganz Europa und in viele Teile Mittelasiens hinein ausbreitete (bis hin zu den Tocharern am Westrand des chinesischen Reiches), und auf deren Sprache heute auch fast alle europäischen Sprachen zurückgeführt werden.

Abb. 3: "Kurganisierung" (von Wikipedia)
Als erstes stießen die halbnomadisch lebenden Kurgan-Leute (siehe Abb. 3) dabei auf die schon weit entwickelten, dicht besiedelten und voll-seßhaften Dorfkulturen des Balkanraumes. Aus dem Zusammenstoß und Zusammenwirken dieser beiden Kulturen heraus wird das Entstehen des Reiches der Warna-Kultur heute  zumeist erklärt. Auffälligerweise geben die Grabfunde Zeugnis von Handeslverbindungen der Warna-Kultur bis an die Wolga, also über den ganzen Raum des Kurgan-Volkes hinweg. Wir erfahren über den materiellen Reichtum der Warna-Kultur (a):There are 294 documented graves, many containing highly sophisticated pieces of gold and copper jewelry, gold-painted pottery, high-quality obsidian blades, stone beads, and shells. In total, the amount of artifacts from the excavated graves numbers over 4000 items – which represents an incredible amount of wealth to have been buried for any civilization, not to mention one which lived over 6,000 years ago!Auf dem deutschen Wikipedia heißt es (Wikip., s.a. a):... Read more »

  • November 12, 2010
  • 11:53 AM
  • 95 views

Die Bandkeramiker - ein genetisch einzigartiges Volk

by Ingo Bading in Studium generale

Neue Genreste eines untergegangenen Volkes analysiertWeitere Genreste von Skeletten der ersten Bauern Mitteleuropas, der Bandkeramiker, und zwar aus dem Umland des Harzes, sind vor kurzem vor allem wieder durch Mainzer Forscher analysiert worden (1 - 4). Die Forschungsergebnisse bestätigen  zunächst wesentliche bisherige Erkenntnisse (5 - 7), nämlich:a) Daß die Bandkeramiker offenbar nach derzeitigem Kenntnisstand nicht - oder nur wenig - von ihrer Vorgängerkultur, den Jägern und Sammlern, sprich "Mesolithikern" Mitteleuropas, abstammen. Letztere sind zumindest in Mitteleuropa zu großen Teilen ausgestorben, wahrscheinlich jeweils etwa zeitgleich mit dem Auftreten der Bandkeramiker. (Allerdings sind aus dem näheren Ursprungsgebiet der Bandkeramiker noch keine mesolithischen Genreste analysiert worden - siehe dazu mehr unten.)b) Daß die Bandkeramiker einige genetische Eigentümlichkeiten aufweisen, die in keiner archäologischen, geschichtlichen oder heutigen Bevölkerung weltweit bisher aufgefunden worden sind (große Häufigkeit des mitochondrialen Haplotypen N1a, der sonst nur sehr selten auftritt). Daß sie also nicht nur kulturell, sondern auch genetisch ein einzigartiges Volk waren, (das deshalb wahrscheinlich auch aus einer Flaschenhals- und Gründerpopulation am Neusiedler See erst als solches durch Ethnogenese hervorgegangen ist und wohl auch nicht genetisch identisch sein kann mit irgendeiner anderen archäologischen Kultur auf dem Balkan oder aus dem Schwarzmeer-Raum). c) Daß die Bandkeramiker - ebenso wie die schon erwähnten vormaligen mesolithischen Fischer, Jäger und Sammler des mitteleuropäischen Raumes - genetisch heute als zu großen Teilen ausgestorben angesehen werden müssen.Wem waren die Bandkeramiker genetisch am meisten verwandt? Als differenziertere Neueinsichten treten mit der neuen Analyse hinzu: d) Daß von den insgesamt 42 bislang analysierten Individuen der Bandkeramiker in Mitteleuropa  (1, S.4)- sechs Individuen (knapp 15 %) den fast "einzigartigen" Bandkeramiker-Haplotypen N1a aufweisen, - (mindestens) 11 Individuen (25 %) Haplotypen aufweisen, die heute zu gleichmäßig in Europa verteilt sind, als daß ihnen eine enger umgrenztere Herkunfts- oder (Rest-)Fortexistenz-Lokalität irgendwo in Europa zugeschrieben werden könnte, - nur (mindestens) 10 weitere Individuen (25 %) genetische Verwandtschaften aufweisen zu solchen Populationen, die tatsächlich enger eingegrenzt werden können, nämlich:a) - (mindestens) drei (knapp 10 %) zu Populationen, die heute noch in Mitteleuropa leben (etwa Slowenen, Slowaken, Ungarn und andere)b) - (mindestens) eines zu heutigen Engländern,c) - (mindestens) fünf (gut 10 %) zu heutigen Südrussen, Osseten, Georgiern, Armeniern, Türken, Irakern, Iranern - also ganz grob zum heutigen Schwarzmeer- und Kaukasus-Raum.Von diesen letzteren fünf Haplotypen leiten die Forscher als "Hauptergebnis" ihrer Studie ab, daß nicht nur die domestizierten Pflanzen und Tiere der Bandkeramiker aus der Südtürkei und dem Levanteraum stammen - was sich in der Tat in den letzten Jahrzehnten unwiderlegbar erwiesen hat -, sondern daß "im Wesentlichen" auch ihre eigenen Gene von dort her stammen:Herausragendes Ergebnis der Studie ist der erstmalige molekulargenetische Nachweis, wonach das genetische Profil der frühen neolithischen Siedler aus Derenburg große Ähnlichkeit mit heute lebenden Populationen im Nahen Osten aufweist. Diese Deutung ist, soweit übersehbar, aus 10 % der genannten 25 % analysierten Genreste abgeleitet worden, die Verwandtschaft zu lokalisierbaren Populationen aufweisen. Angesichts dieses geringen Anteils verliert diese apodiktische Aussage dann doch ziemlich viel an Aussagekraft. Wenn es dann aber noch weiter heißt:Die größte ökonomische Umwälzung in der Menschheitsgeschichte - die Neolithische Revolution - hat ihren Ursprung in einer Region, die vermutlich die Heimat aller Europäer bildet und wurde in Migrationswellen nach außen getragen,so sind die letzten beiden Halbsätze mißverständlich bis grundlegend falsch schon deshalb, weil ja die angenommenerweise im Wesentlichen aus dem Vorderen Orient "zugewanderten" Bandkeramiker inzwischen auch schon ausgestorben sind - so sagt es auch die Studie - und durch ganz andere Bevölkerungen ersetzt worden sind.Kritische Einwürfe zum Hauptergebnis der Studie Es ist aber zusätzlich noch anzumerken, daß zur Deutung der genetischen Verwandtschaft von Spätmesolithikern in Mecklenburg - nicht zu dortigen heutigen Bevölkerungen, sondern zu Bevölkerungen im heutigen Lettland - auch vorgeschlagen worden ist (7), daß sich ihr genetisches Erbe in Randgebieten Europas eher hat halten können, als im mittleren Europa (statt bloß von dort her zu stammen). Warum sollte man also ein ähnliches Szenario auch für die Bandkeramiker von vornherein ausschließen, zumal jüngst eine Studie an Genresten aus einem Megalithgrab in Westfrankreich außerhalb des bandkeramischen Verbreitungsgebietes ebenfalls typische Bandkeramik-Gene aufzeigen konnte (8) (ähnlich übrigens auch bei den Spätmesolithikern in Mecklenburg: 7), was beides dahingehend gedeutet worden ist, daß sich die Gene der Bandkeramiker über das archäologisch festgestellte dichtbesiedelte Verbreitungsgebiet der Kultur der Bandkeramiker - zumal auch nach dem Untergang der bandkeramischen Kultur und in Nachfolgekulturen - hinaus ausgebreitet haben könnte (bzw. dort auch in "verdünnter" Weiese fortexistiert haben könnte).Für die aufgezeigte genetische Verwandtschaft  von 10 % der analysierten Bandkeramiker-Genreste zu heutigen Populationen im Schwarzmeerraum kann also durchaus auch ein überlagerten Prozeß von "Wanderung und Rückwanderung" angenommen werden. Da sich nämlich die bevölkerungsreiche Bandkeramik-Kultur auch weit in die Ukraine hinein ausgebreitet hat, könnte nämlich auch umgekehrt gefragt werden, ob nicht die heutigen Bandkeramiker-Verwandten im Schwarzmeer-Raum von Zuwanderern aus Mitteleuropa abstammen. Kommentatoren auf "Dienekes Anthropology Blog"Manche Kommentatoren auf "Dienekes Anthropology Blog" (2), wo viele kenntnisreiche Leute mitdiskutieren, äußern ähnlich gelagerte Vorbehalte. Diese sollen hier noch zur Bekräftigung angeführt werden. Ein Kommentator "Polak" hebt zu dieser Studie etwa unter anderem die wichtigen Tatsachen hervor:  - It showed that modern Europeans don't have strong links to these LBK farmers, nor do modern groups from the Caucasus and Iran.- It didn't show that any of the other lineages common in Europe today came later to Europe than these Near Eastern LBK farmers.- R1a tribes most likely largely snuffed out the descendants of the G and F* LBK farmers in Central-Eastern Europe, after learning a few tricks (ie. metallurgy), and expanding from north and east of the Carpathians during the late Neolithic.Die heutigen Mitteleuropäer haben keine auffällige genetische Verwandtschaft mit Iranern Mit den "R1a tribes" sind die kupfer- und bronzezeitlichen Indoeuropäer gemeint, die Schnurkeramiker und deren kennzeichnender Y-Chromosomen-Haplotyp, die zu noch nicht bekannten Anteilen die heutigen genetischen Vorfahren der Europäer bilden. Dienekes selbst hebt zu den analysierten Y-Chromosom-Haplotypen der Bandkeramiker noch die erstaunliche Tatsache hervor:It is also fascinating that the presence of 33.3% haplogroup G2 in the German Neolithic is matched by a presence of 33.3% haplogroup G2 in 7th c. Bavarian knights, and maybe even the latest French royalty. Haben sich... Read more »

Haak, W., Balanovsky, O., Sanchez, J., Koshel, S., Zaporozhchenko, V., Adler, C., Der Sarkissian, C., Brandt, G., Schwarz, C., Nicklisch, N.... (2010) Ancient DNA from European Early Neolithic Farmers Reveals Their Near Eastern Affinities. PLoS Biology, 8(11). DOI: 10.1371/journal.pbio.1000536  

Bramanti B, Thomas MG, Haak W, Unterlaender M, Jores P, Tambets K, Antanaitis-Jacobs I, Haidle MN, Jankauskas R, Kind CJ.... (2009) Genetic discontinuity between local hunter-gatherers and central Europe's first farmers. Science (New York, N.Y.), 326(5949), 137-40. PMID: 19729620  

Deguilloux MF, Soler L, Pemonge MH, Scarre C, Joussaume R, & Laporte L. (2010) News from the west: Ancient DNA from a French megalithic burial chamber. American journal of physical anthropology. PMID: 20717990  

  • October 20, 2010
  • 10:09 AM
  • 103 views

Rinderwagen-Gräber prozessionsartig Richtung Osten aufgereiht in Dänemark, 3.100 v. Ztr.

by Ingo Bading in Studium generale

Kurz gefaßt: Die Forschungen zur Geschichte von Handelswegen, von Rad und Wagen können in den letzten Jahren mit einer Fülle von Neuerkenntnissen aufwarten (1 - 16). Inbesondere eine dänische Forschungsstudie, die im August erschienen ist (1) soll Anlaß sein, zum derzeitigen Stand einen Überblick zu geben.1. Feuerstein-Handelsstraße von Kehlheim nach Prag (4.900 - 4.600 v. Ztr.)Schon in der Zeit der Bandkeramik hat es über mehrere hundert Kilometer reichende wirtschaftliche Austauschbeziehungen zwischen verschiedenen Regionen gegbeben, über die Rohstoffe wie etwa Feuerstein bezogen worden sind. Der Archäologe Alexander Binsteiner erforscht diese "ältesten Handelswege Europas" (Mittelbayr., 5.3.10): Das neolithische Feuersteinbergwerk in Abensberg/Arnhofen ist das bedeutendste seiner Art in Europa. (...)Die Feuersteinstraße zwischen Bayern und Böhmen ist der älteste nachgewiesene Handelsweg Europas. Er verläuft aus dem jungsteinzeitlichen Feuersteinbergwerk von Arnhofen (nahe Abensberg, Lkr. Kelheim) auf der Donau ins Regental und über den Böhmerwald in die steinzeitlichen Siedlungsräume um Pilsen bis nach Prag. Erste Begehungen fallen bereits in das 6. vorchristliche Jahrtausend; die Hochphase der Handelsroute liegt im Zeitraum von etwa 4900 bis 4600 v. Chr.Die Route durch das Regental ist mit über 60 Fundstellen im Uferbereich des Regen belegt. Zwischen Bayern und Böhmen wurden nachweislich große Mengen an den hochwertigen Jurahornsteinen (Feuerstein) des Arnhofener Abbaugebietes gehandelt. Der große Bedarf an Feuersteinrohstoffen zur Herstellung schneidender Geräte und Waffen wurde in den steinzeitlichen Siedlungen um Pilsen und Prag bis zu 60 Prozent aus der bayerischen Mine gedeckt. (...) Die Entdeckung der Feuersteinstraße nach Böhmen ist das Resultat einer langen Reihe von Forschungsarbeiten, die bereits während des Ötzi-Projektes an der Universität Innsbruck begannen. Hier konnte erstmals eine Direktverbindung aus den Lessinischen Bergen nördlich von Verona über den Alpenhauptkamm in das nördliche Alpenvorland (Schweiz, Bayern, Oberösterreich) für das vierte vorchristliche Jahrtausend nachgewiesen werden. Auf dieser sogenannten Kupferstraße, auf der auch Ötzi unterwegs war, als er starb, gelangten hochwertige Feuersteine aus den Monti Lessini nach Norden. Im Gegenzug transportierten die Zeitgenossen des Eismannes Kupfer aus den Lagerstätten Tirols und des Salzkammergutes nach „Italien“. Diese Untersuchungen gaben den eigentlichen Impuls für die nachfolgenden Arbeiten an der älteren Feuersteinstraße des fünften und sechsten Jahrtausends v. Chr. Heute wird das Modell der Feuersteinstraße auf zahlreiche weitere Verbindungen in der Steinzeit angewendet, so z.B. bei der Donauroute der Bandkeramiker, die auf der Donaulinie unsere Region vor über 7000 Jahren besiedelten. Erste Spuren der Feuersteinstraße nach Böhmen gehen auf diese Zeit der Bandkeramiker zurück. Man wird sich diese Handelswege als vielbegangene Wege vorstellen müssen, auf denen Menschen, vielleicht so wie in vielen Regionen Afrikas noch heute, Lasten über viele Kilometer hinweg getragen haben. Vielleicht hat man sie auch schon auf Schlitten von Rindern ziehen lassen. So ging das annähernd 2.000 Jahre lang, bis eine bedeutende Innovation eine größere Dynamik in die Welt- und Wirtschaftsgeschichte gebracht hat.2. Mit Rad und Wagen kommt eine neue Dynamik in die Geschichte (3.700 v. Ztr.)Die Rinder wurden als Zugtiere wahrscheinlich schon in der bandkeramischen Kultur seit 5.500 v. Ztr. eingesetzt. Etwa vor Pflügen oder vor Schlitten. Die Majkop-Kultur am Westkaukasus kennt nun zwischen 3700 und 3000 v. Ztr. Wagenräder als Grabgut. In einer Grabanlage in Norddeutschland finden sich Wagenspuren aus der Zeit um 3.500 v. Ztr.. Ebenso gibt es weitere bildliche Wagendarstellungen in Mitteldeutschland aus dieser Zeit (vor allem Steinkammergrab von Züschen) (9, 10). Mit diesen anfangs noch sehr schlichten, Rinder-gezogenen Wagen begann eine neue Epoche in der Menschheitsgeschichte.Abb. 1: Ein typisches Postkarten-Motiv aus SüdostasienIm Weltnetz kann man sich einen reichen Eindruck davon verschaffen, in welcher Weise das Rind als Zugtier in der Menschheitsgeschichte gebraucht worden ist und heute immer noch gebraucht wird. Heute vor allem in Indien, in Burma und anderen Teilen Südostasiens. (Etwa über Bildersuche unter Suchworten wie "Ochsenwagen", "Ochsenkarren", "Bullock cart" oder "Ox cart"; s.a.: Wikip., engl..) Es handelt sich um eine Fortbewegungsart, die noch heute viele Menschen fasziniert, insbesondere wenn man sich klar macht, daß auch für unsere Vorfahren in Nord- und Mitteleuropa über viele Jahrtausende hinweg der rindergezogene vier- oder zweirädrige Wagen das Haupttransport- und Fortbewegungsmittel gewesen ist, ja, daß die Kulturen des Spätneolithikums und der Bronzezeit vielleicht sogar von nichts uns Bekanntem so geprägt gewesen sind als von Fortbewegungsart.Von der "Rinderwagen-" zur "Streitwagenkultur"Man hat keine großen Schwierigkeiten, sich Kulturen, in denen der Rinder-gezogene Wagen eine größere Rolle spielt, in einer Komplexität vorzustellen, die denen der vormodernen indischen oder südostasiatischen Fürstentümer und Königreiche nahekommt. Zumal wenn man zugleich auch noch von einer verbreiteten kultischen Bedeutung von Prozessionen einzelner oder vieler Rinder-gezogener Wagen erfährt.Hinweise auf rindergezogene Wagen finden sich vor allem auch in der mittel- und osteuropäischen Kugelamphorenkultur, die in der Übergangszeit vom Spätneolithikum zur Bronzezeit angesiedelt ist, nämlich der Kupferzeit (nach Jan Lichardus, Saarbrücken). In Spanien entstand in Los Millares (engl.) zu dieser Zeit schon eine der ersten Städte auf dem europäischen Kontinent. Das war kurz bevor die osteuropäischen Schnurkeramiker, also nachMarija Gimbutas die Indogermanen, mit ihrer Streitwagen-Kultur eine gegenüber der Rinderwagen-Kultur noch einmal gesteigerte Dynamik in die Weltgeschichte gebracht haben. Aber schon diese die Pferde-Kultur vorbereitende Kultur von Rinder-gezogenen Wagen scheint eine größere Dynamik und wirtschaftliche Komplexität in die Geschichte gebracht zu haben, als den Fußgänger-dominierten Epochen zuvor beiwohnen konnte. Der Rinder-gezogene Wagen breitete sich vergleichsweise zügig nicht nur über ganz Osteuropa und bis nach Hessen hinein aus (Wartbergkultur mit Steinkammergrab von Züschen und seiner berühmten Wagendarstellung) (9, 10), sondern auch bis in die Nordspitze Jütlands.Kann man von einem "staatenbildenden" Charakter des Rinder-gezogenen Wagens sprechen?Wir kennen bis in die keltische Kultur hinein die Sitte, daß sich - von der Atlantikküste bis nach Japan, von Skandinavien bis nach Persien und ins Zweistromland - Fürsten der Bronzezeit zusammen mit ihren Streitwagen, oft auch mit ihren Pferden in prächtigen Gräbern haben bestatten lassen. Aber wenn man sich einmal das schnellere Pferd und den leichteren Pferdewagen aus unseren reich-überlieferten historischen Vorstellungswelten hinwegdenkt, dann können auch Rinder-gezogene Wagen imposante Gefährte und Erscheinungen sein.Ja, Prozessionen und Völkerwanderungen mit vielen, vielleicht hunderten von Rindergezogenen Wagen müssen in früheren Zeiten ein zugleich viel friedlicheres aber doch auch stolzes Bild abgegeben haben, imposanter vielleicht, als wir uns das heute noch vorstellen können. Man bekommt den Eindruck, daß der Rindergezogene Wagen richtiggehend "staatenbilde... Read more »

  • May 25, 2010
  • 03:44 PM
  • 128 views

Stimmt das etwa: "Ein Volk zu sein, ist die Religion unserer Zeit"?

by Ingo Bading in Studium generale

Zur "Dialektik der Aufklärung" betreffs moderner Humangenetik"Ein Volk zu sein, ist die Religion unserer Zeit," rief der deutsche "National-" und Freiheitsdichter Ernst Moritz Arndt zur Zeit der deutschen Freiheitskriege gegen Napoleon aus. In dem gleichen Jahrzehnt dichtete der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin: "Oh du der Geisterkräfte gewaltigste, du löwenstolze Liebe des Vaterlands!" Und Friedrich Schiller dichtete sein berühmtes: "Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not und trennen noch Gefahr ..." Und wiederum Friedrich Hölderlin konnte auch sonst nicht stillschweigen: "Oh heilig Herz der Völker, oh Vaterland ...," floß ihm aus der Feder aufs Papier, floß aus seinem Herzen in die Herzen von Millionen Menschen, nachdem er seine Diotima als armer Hauslehrer nicht hatte gewinnen können.Und Johann Gottfried Herder prägte in ähnlichen Zeiten das Wort: "Völker sind Gedanken Gottes". Und Jacob Grimm begründete nicht nur viele moderne, geisteswissenschaftliche Disziplinen, in denen insbesondere die Eigenart der Völker über ihre jeweilig einzigartigen kulturellen Hervorbringungen erforscht wurde (Germanistik ..., Slawistik ...., Volkskunde ...), sondern gewann aus diesen Forschungen als politisch frei und niemals "korrekt" denkender Mensch auch den Impetus, um an der Entwicklung Deutschlands hin zu einem demokratischen und sozial gerechten Rechts- und Verfassungsstaat entscheidend mitzuwirken (... "Göttinger Sieben", ... Abgeordneter der Nationalversammlung von 1848 ...).Niedergang des Christentums - Aufgang einer neuen "Religion"?Es waren die Jahre nach der Französischen Revolution und vor den europäischen Freiheits- und Nationalkriegen gegen Kaiser Napoleon. ("... Mit Mann und Roß und Wagen, so hat sie Gott geschlagen ...") Es waren die Jahre, als den europäischen Eliten ihr vormals unerschütterlicher Glaube an die unumschränkte Wahrheit der christlichen Religion in vielen wichtigen Teilen - und dann auch zumeist für immer - abhanden gekommen war, so wie als einem der ersten: Giordano Bruno. Es war jene Zeit, als einer der ersten und zugleich letzten großen, freigeistigen Theologen der abendländischen Geschichte, als Friedrich Schleiermacher in Berlin seine bedeutendste Schrift herausgab: "Über Religion - an die Gebildeten unter ihren Verächtern".Und als Ersatz wählten diese "Verächter" (aber auch andere) sehr oft jene "Religion", die ein Ernst Moritz Arndt und so viele andere Dichter des 19. Jahrhunderts in Worte faßten, wobei sie fast immer auch zugleich auf die Zweischneidigkeit dieser "Religion" aufmerksam machten, dichtete doch ein solcher Dichter wie Ernst Moritz Arndt gerne auch blutrünstigste Kampfgedichte voller Franzosenhaß.- Eine "kopernikanische Wende" durch die Humangenetik?Aber was haben all diese Geschichten des 19. Jahrhunderts mit der Humangenetik des 21. Jahrhunderts zu tun? - - - Mit der vollständigen Sequenzierung des menschlichen Genoms, die im Jahr 2000 verkündet wurde, mit der Erforschung "gruppenevolutionärer Strategien" durch die Soziobiologie, die besonders seit den 1990er Jahren an Fahrt aufgenommen hat (auch zusammen mit der neuen Disziplin der Religionsdemographie und -biologie), mit der Erkenntnis von der hohen Erblichkeit der menschlichen Intelligenz und ihrer sehr deutlich unterschiedlichen Verteilung auf die Völker und Rassen weltweit und über die Epochen der Humanevolution hinweg hat sich ein - möglicherweise kopernikanischer - Umschwung in der Wissenschaft und damit früher oder später auch im Weltbild überhaupt angebahnt. (siehe auch Einleitung von: 2)Möglicherweise hatte nämlich Ernst Moritz Arndt viel stärker recht, als wir ihm das bis heute gerne hätten zugestehen wollen, ja, als das vielleicht sogar die politisch extremsten Nachfolger auf dem Gebiet nationaler und nationalistischer Politikgestaltung gewagt hätten vorauszusagen als Ergebnis künftiger anthropologischer und evolutionärer Forschung."Ein Volk zu sein war und ist die Religion aller Zeiten!"Vielleicht ist die Lehre aus dieser kopernikanischen Wende in der derzeitigen Anthropologie nämlich tatsächlich vor allem die Erkenntnis: "Ein Volk zu sein war und ist die Religion aller Zeiten!" Denn wenn das aschkenasische Judentum tatsächlich die "Speerspitze der Evolution" bilden sollte, da es den höchsten, durchschnittlichen, angeborenen Intelligenzquotienten weltweit aufweist - und das, obwohl es erst etwa 1.000 bis 1.500 Jahre alt ist -, wenn dies tatsächlich der Fall sein sollte, dann wäre zu fragen, ob der Fall der "Evolution der aschkansischen Intelligenz" (1) verallgemeinert werden kann, ja, muß auf die Humanevolution, auf die Evolution von Völkern überhaupt.Vom Volk der Bibel jedenfalls kann sicherlich schon seit mindestens zweitausend Jahren gesagt werden, daß "ein Volk zu sein" für dieses "Religion" immer schon gewesen ist. Und darin wird möglicherweise auch die Ursache für den evolutionären Erfolg dieser letzten "Speerspitze der Evolution" zu suchen sein, was Intelligenz-Evolution betrifft. Und war nicht diese "Religion" letztlich die Religion aller Völker, bevor sie zu globalistischen sogenannten "Weltreligionen" bekehrt wurden - nämlich: "ein Volk zu sein"?Hat nicht auch der Freiheitskämpfer Arminius (der Recke vom Teutoburger Wald, heute genannt Wiehengebirge, bekannt aus dem Jahre 9 n. Ztr.) seinem auf Römerseite stehenden Bruder gegenüber die eigenen Götter beschworen und die eigenen kulturellen Überlieferungen, als er ihn auf seine Seite herüberziehen wollte - nach dem Bericht der römischen Historiker? Waren nicht früher alle Völker und Stämme stolz auf sich selbst? Und ist dieser Stolz auf die individuelle, kulturelle und gerne auch biologische Eigenart der eigenen Gruppe, der eigenen Kultur nicht immer schon - ausgesprochen oder unausgesprochen - "Religion" des Menschen in der gesamten Zeit der Weltgeschichte und der Humanevolution gewesen?Wäre dies etwa jemals bei den Jäger- und Sammler-Völkern anders gewesen? Bei den zahllosen, aufeinander folgenden schriftlosen oder Schrift besitzenden Völkern und Kulturen des Neolithikums, der Bronzezeit und der Eisenzeit? Sind nicht sogar viele Völker und Stämme auf sich selbst so selbstverständlich stolz, daß sie nur sich selbst "Mensch" nennen, die Menschen aller anderen Völker aber mit herabwertenden Bezeichnungen, die eher an Tiere denn an Menschen erinnern? (Die Piraha, die keine Zahlworte haben, sind so stolz, daß sie sich selbst "gerader Kopf" = Piraha und alle anderen "krummer Kopf" nennen! Und wie vielleicht weise ist dieses Vorgehen! - ?)Alle Völker finden sich selbst besser als andereUnd wäre gerade der geistesgeschichtlich sicherlich weitgehend "notwendige" Untergang der supernaturalistischen "Weltreligionen" Christentum und Islam eine Entwicklung, die auf mehr oder weniger "natürlichem" Wege Platz schaffen würde zu einer Rückkehr zu den ursprünglichen Gesetzmäßigkeiten von Humanevolution überhaupt, die jetzt durch die Humangenetik und Soziobiologie allmählich - wieder - aufgedeckt werden?Aber nach solch grundsätzlichen Bemerkungen, die man doch einmal loswerden mußte, da so viel über diese Thematik geschwiegen anstatt geredet wird seit mehreren Jahren, soll noch mit einigen Anmerkungen auf eine neue historische Studie (3) aufmerksam gemacht werden, die letztlich darauf zielt, die Forschung des letzten Jahrhunderts zur Geschichte des Judentums mit den humangenetischen und soziobiologischen Forschungen zur Evolution der aschkenasischen Intelligenz der beiden letzten Jahrzehnte (2) in Einklang zu bringen.Auf dieser Linie wird wohl in nächster Zeit noch so manche weitere Studie erscheinen. Natürlich auch zu anderen Völkern.Gen-Kultur-Koevolution schafft VölkervielfaltAuf dem Blog von Lars Fischer hat es ja kürzlich schon eine schöne Diskussion über das Thema "Gen-Kultur-Koevolution" gegeben, in der unter anderem Edgar Dahl und Michael Blume manches Wichtige zur Thematik festgestellt haben (Fischblog, 12.4.10), in der allerdings noch kaum thematisiert wurde, daß eben die Vielfalt der Kulturen und Lebensweisen weltweit schon seit Jahrtausenden unterschiedliche Selektionsbedigungen für die Völker weltweit geschaffen haben, an die sich eben die Genome der Völker dann auch angepaßt haben, wie wir eben in diesen Genomen nun immer besser erkennen können (s.a. 4). Dabei wies Leser "itz" freundlicherweise auf einen neuen Artikel des NYT-Wissenschaftsjournalisten Nicholas Wade hin (NYT, 1.3.10), der die eingangs genannte kopernikanische Wende schon in seinem Buch "Before the Dawn" umrissen hatte, und der sie jüngst wieder neu erläuterte in seinem Aufsatz: "Human Culture, an Evolutionary Force". Und hier machte Wade unter anderem auch auf folgenden Meinungsumschwung innerhalb de... Read more »

COCHRAN, G., HARDY, J., & HARPENDING, H. (2005) NATURAL HISTORY OF ASHKENAZI INTELLIGENCE. Journal of Biosocial Science, 38(05), 659. DOI: 10.1017/S0021932005027069  

Richerson, P., Boyd, R., & Henrich, J. (2010) Colloquium Paper: Gene-culture coevolution in the age of genomics. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(Supplement_2), 8985-8992. DOI: 10.1073/pnas.0914631107  

Hancock, A., Witonsky, D., Ehler, E., Alkorta-Aranburu, G., Beall, C., Gebremedhin, A., Sukernik, R., Utermann, G., Pritchard, J., Coop, G.... (2010) Colloquium Paper: Human adaptations to diet, subsistence, and ecoregion are due to subtle shifts in allele frequency. Proceedings of the National Academy of Sciences, 107(Supplement_2), 8924-8930. DOI: 10.1073/pnas.0914625107  

  • May 20, 2010
  • 09:44 AM
  • 181 views

1.800 - 1.200 v. Ztr. - Monkodonja auf der Halbinsel Istrien

by Ingo Bading in Studium generale

Gut erhaltenes Beispiel einer frühbronzezeitlichen StadtHöchstwahrscheinlich hat sich die frühbronzezeitliche Stadtkultur um 2.200 v. Ztr. vom Balkanraum, von dem Adria- und Donauraum heraus nach Norden bis Sachsen und Südengland in einer ersten Phase ausgebreitet. In einer zweiten Phase wurde diese Ausbreitung um 1.800 v. Ztr. noch einmal intensiviert. Auf der Halbinsel Istrien gibt davon die Stadt Monkodonja ein lebhaftes Zeugnis. Dieses soll als eines von mehreren gut erforschten Beispielen zur mitteleuropäischen Stadtkultur der Frühbronzezeit angeführt werden.Abb. 1: Die Hügelfestung und -stadt Monkodonja, ein Fernhandels-Zentrum auf der Halbinsel Istrien (Kroatien) an der Adria - 1.800 v. Ztr..Abb. 1 zeigt den Blick, den der frühbronzezeitliche Fürst von Monkodonja von seiner mykeneartigen Akropolis aus auf das Meer der Adria hinunter genoß, nachdem er die Stadt Monkodonja auf dem Berg oberhalb des schiffereichen Hafens um 1.800 v. Ztr. nach einheitlichem Plan (s.u.) angelegt hatte.Unschwer vorzustellen: Stolz trugen er und die Angehörigen seiner Familie beim Blick über das Meer und die Schiffe ihre Prunkdolche an der Hüfte, jene kompliziert verfertigten ersten bronzenen Waffen, Vollgriffdolche. Stolz trugen sie ihre Ösenhalsringe um den Hals. Beides waren so weit verbreitete Güter, daß die späteren Archäologen zu der Vermutung kommen sollten, es handele sich bei ihnen um eine Art erste Geldwährung zum Handel zwischen den frühbronzezeitlichen Städten Mitteleuropas (siehe unten).Dieser Fürst war es vielleicht, der die Halbinsel Istrien überhaupt erobert hatte, und der sie gegen andere Eroberer verteidigte. Denn sein Volk war möglicherweise in langen, von Rindern gezogenen Wagenkolonnen - oder mit zahlreichen Schiffen über das Meer - in diese Halbinsel geströmt. Und aufgrund seines starken Bevölkerungswachstums erbaute es auf den Hügeln der Halbinsel an der Küste und im Landesinneren überall in einem dichten Netz weitere Städte (s.u.).Es war in jenen Jahrhunderten, als Städte von der Größe Trojas nicht nur im hethitischen Reich und in Griechenland entstanden, sondern auch über den ganzen Balkanraum hinweg bis in den Donau- und in den Elbesaaleraum hinein, bis nach Südengland, wo man Stonehenge eines der religiösen, wirtschaftlichen und politischen Zentren bildete (siehe voriger Beitrag). Es war die Zeit, in der die Stadtkultur in Europa begann. Jene Epoche, von der man noch vor wenigen Jahren geglaubt hatte, sie hätte erst mit den Kelten um 600 v. Ztr in Mitteleuropa begonnen.Die Alltagsbekleidung der normalen Menschen jener Zeit in den oft eindrucksvollen bronzezeitlichen Langhäusern wird man sich so vorstellen können, wie sie die Wüstenmumien in der Taklamakan aufzeigen, mit viel Leder und wertvollen handgewebten Stoffen (s. E. Barber, bzw. vorletzter Beitrag). Und mit diesen wertvollen, handgewebten Stoffen ist sicher auch viel Handel getrieben worden, ebenso wie mit Salz, Fleisch und mit Metall.Abb. 2: Erforschte Großsiedlungen der frühen bis mittleren Bronzezeit. Der Archäologe Hänsel betont, daß bei weitem nicht alle bekannten Siedlungen kartiert sind, sondern nur beispielhaft bislang wenige, gut erforschte. (S. 122)Schon im vorletzten Beitrag wurde auf die Tatsache hingewiesen, daß während der Frühbronzezeit um 2.000 v. Ztr. über weite Teile Europas hinweg mauerbewehrte Großsiedlungen gegründet wurden, zumeist auf Bergeshöhen im Abstand zwischen 25 und 35 Kilometer voneinander, also oft auf Sichtweite. So im Elbsaale-Gebiet, so in Bayern, so im heutigen Böhmen, in Ungarn und so auch über weite andere Gebietsteile hinweg.Abb. 3: Das Haupt-, bzw. Westtor der Großsiedlung Monkodonja auf Istrien, Kroatien (1.800 - 1.200 v. Ztr.), das hinunter zum Hafen führt, erinnert an die mykenischen Burgen Griechenlands und gibt eine Vorstellung von dem Aussehen auch der weniger gut erhaltenen Höhenburgen gleicher Zeitstellung im sonstigen MitteleuropaÜber diese europäischen Großsiedlungen der Frühbronzezeit, von denen unter anderem auch verschiedene im südosteuropäischen Raum und in Spanien recht gut untersucht sind, berichtet der Archäologe Bernhard Hänsel in seiner jüngsten Veröffentlichung (Hänsel, S. 120 - 122). Und er macht dabei keine Unterschiede mehr zwischen Großsiedlungen im mediterranen und südeuropäischen Raum gegenüber Großsiedlungen im mitteleuropäischen Raum. Es deutet sich hier auf vielen Ebenen ein recht einheitlicher Kultur- und Wirtschafts-Raum an. Diese Großsiedlungen waren also auch im gesamten Bereich der "Aunjetitzer Kultur" im Elbsaale-Gebiet verbreitet, aus der schließlich um 1.600 v. Ztr. die schon lange zuvor benutzte Himmelsscheibe von Nebra hervorging. Hänsel schreibt über diese großartige europäische Kultur der Frühbronzezeit:Wie bisherige Grabungen ergaben, sind diese Großsiedlungen in der Regel nach demselben Muster aufgebaut: Befestigungen umschließen eine große Fläche mit einer Längsausdehnung von mehreren hundert Metern.Diese sind aus großen Gesteinsbrocken in Trockenbautechnik errichtet worden, das heißt, ohne Mörtel zusammengefügt. (...) In gesteinsarmen Landschaften finden sich aufwendige Holzkonstruktionen.Siehe die Abb. 1, 3 - 7. Mit ihrem zyklopischen Mauerwerk erinnern sie an die mykenischen Burgen Griechenlands, heißt es in ähnlicher Weise 2005 in einer Ausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte Berlin.Abb. 4: Auf der Luftaufnahme von Monkodonja erkennt man unter anderem gut die komplizierten Toranlagen in der Mauer, das Westtor hinunter zum Hafen (hier unten) und das Nortor (hier links). Bernhard Hänsel weiter:Gewaltige, zum Teil recht komplizierte Toranlagen sichern den Zu- und Austritt. (...) Oft sind die Anlagen innerhalb ihrer Fläche durch Mauerzüge in zentrale und periphere Zonen gegliedert. (...) Soweit es die meist nur in Ausschnitten angelegten Grabungen beurteilen lassen, sind die Plätze stets dicht besiedelt und man kann mit 1000 und mehr Einwohnern rechnen. Diese Zahl ist bei älteren Siedlungen niemals erreicht worden und muß als neu und ausgesprochen hoch angesehen werden. Die recht großen Häuser sind eng beeinander regelhaft angeordnet, was die Siedlungen als plamäßig errichtete Neugründungen erscheinen läßt.Abb. 5: Die Großsiedlung Monkodonja war vielfältig gegliedert. A = Akropolis, B = Oberstadt, C und G = Bebaute Terrassen, D = Westtor, das zum Hafen führt, E = Nordtor, F = Kulthöhle, H = Außensiedlung.Hänsel wählt als ein anschauliches Beispiel die Bergfestung Monkodonja auf der Halbinsel Istrien im heutigen Kroatien (1800 bis 1200 v. Ztr.), die er selbst mit erforscht hat (FU Berlin). Von dieser Bergfestung und ihrer Akropolis hat man einen herrlichen Blick auf die Adria und auf den am Stand gelegenen Hafen dieser Stadt (siehe Abbildungen). Sie ist im Grund... Read more »

  • February 20, 2010
  • 10:31 AM
  • 161 views

Von Ratten, Göttern, Menschen und Wirtschaftssystemen

by Ingo Bading in Studium generale

Ein weiter Weg - der geschichtliche Weg der RatteAndere Völker - andere Kulturen: In Indien werden Ratten religiös verehrt, es gibt ganze, zehntausende von Menschen umfassende Stämme, die traditionell vom "Rattenfang" leben. In Europa hingegen werden Ratten im allgemeinen verabscheut. Und doch können auch wir von ihnen viel über unsere Geschichte erfahren.Nachdem wir uns mit der "freundlicheren" Hausmaus als archäologischer Indikator wirtschaftlicher Intensität und gesellschaftlicher Komplexität auf diesem Blog schon befaßt haben (1, 2), haben wir genug Kräfte gesammelt, um uns nun auf einen noch "abwegigeren" Gegenstand einzulassen: Das Erscheinen einer neuen Studie zur Herkunft der Hausratte auf Madagaskar (3) soll hier zum Anlaß genommen werden, einen kleinen Überblick zur Geschichte der Ratten als Tiere religiöser Verehrung, als Nutz- und Haustiere und als Kulturfolger, bzw. Schädlinge des Menschen zu geben.1. Die Hausmaus - gebunden an die Städte (Bronze- und Wikingerzeit)Zunächst noch einmal kurz die Hausmaus rekapituliert: Die Hausmaus hat sich in Europa mit den ersten, noch vergleichsweise kleinen Handelsstädten, Volksburgen und Fürstensitzen, sowie mit den zu ihnen gehörenden Fernhandelskontakten über Wasser und Land ausgebreitet. Nach Mitteleuropa und nach Südengland breitete sie sich - nach derzeitigem Kenntnisstand - in der frühen Bronzezeit aus. Nach Skandinavien, Schottland und Irland breitete sie sich aber erst mit den Wikingern aus. (1, 2, 4)Aus diesen Gründen eignet sich die Hausmaus wahrscheinlich als gar nicht zu überschätzende Erkenntnisquelle der Bronzezeit-Archäologie. Denn soweit die Literatur übersehbar ist (siehe etwa: 4) gibt es keine Fund- oder Befundgruppe, die über den Charakter der bronzezeitlichen Wirtschaftssysteme Mitteleuropas objektivere (!) Auskunft geben könnte, als die An- oder Abwesenheit der Hausmaus in einer bestimmten Region zu einer bestimmten Zeit. Deshalb kann nur dringend zur Erforschung der Ausbreitungsgeschichte der Hausmaus in der mitteleuropäischen Bronzezeit geraten werden, die bislang noch nicht sehr bewußt in den Mittelpunkt der Forschung gestellt worden ist.2. Die Pazifische Ratte - sie breitete sich mit den Polynesiern aus (ab 2.000 v. Ztr.)Die Ausbreitungsgeschichte der Pazifischen Ratte (Rattus exulans) (engl. "Polynesian Rat") (a, b, c, d, e) kann - wie eingangs schon angedeutet - wohl nur auf den ersten Blick parallel gesetzt werden zu der Ausbreitungsgeschichte der anderen beiden großen Rattenarten.Abb: Ein Kunstwerk aus einem Maori-Versammlungshaus in Neuseeland zeigt die Bedeutung der Ratten für die polynesischen Kulturen auf: die Ratten tanzen auf dem Kopf einer mythologischen Figur (5)Das Ausbreitungs-Gebiet der Pazifischen Ratte ist an die Lapida-Kultur, also an die polynesische, bäuerliche Kultur von Seefahrern mit Auslegerbooten gebunden. Diese Kultur hat sich ab etwa 2.000 v. Ztr. von Osttaiwan aus über die gesamte Inselwelt im Südpazifik ausgebreitet, und zwar über viele Jahrhunderte hinweg. In Polynesien wie in anderen Teilen Asiens hat die Ratte einen ganz anderen Stellenwert als sie es jemals in Europa hatte (a):Wahrscheinlich wurde die pazifische Ratte von den frühen Siedlern als Fleischlieferant genutzt. Heute ist sie in ganz Südostasien und Polynesien verbreitet, wird dort oft als Haustier oder zumindest als Nahrungslieferant gehalten und wird als sehr wohlschmeckend geschildert.In Europa werden Ratten und Mäuse am ehesten noch in Hungerzeiten als bedeutenderer Fleischlieferant genutzt worden sein. Die andere Nutzungsart in Asien wird vor allem der Grund dafür sein, daß sich die Pazifische Ratte, wie die Forschung sagt (5, 6), jeweils sofort mit den ersten Siedlern ausgebreitet hat, jeweils immer zusammen mit Haushund und Hausschwein. Da dies aber einen sehr auffälligen Unterschied darstellt zur Ausbreitungsgeschichte der anderen beiden großen Rattenarten (siehe unten), weil sie dann gar nicht an das Vorhandensein stadtähnlicher Siedlungen oder von so intensiven Fernhandelskontakte gebunden gewesen wäre, wie in Europa, wird man die -- aktuelle Forschungsliteratur zu dieser Frage noch einmal sehr genau prüfen müssen. (siehe auch: 7)In Asien jedenfalls scheinen Ratten von Anfang an immer auch als nützliche Tiere angesehen und "gehalten" worden zu sein, während sie in Europa bestenfalls als Schädlinge "geduldet" wurden, weil man sich nicht ausrotten konnte. (Diese Umstände wären sicherlich auch in den Überlegungen von Jared Diamond's "Arm und Reich" mitzuberücksichtigen: Warum sehen manche Kulturen Kulturfolger als Nützlinge an, andere nur in Notzeiten, ansonsten aber als Schädlinge?)3. Die Hausratte in IndienIndien ist das Heimatland der Hausratte (Rattus rattus) (engl. "Black rat"). Hier wird die Hausratte sogar als ein den Göttern nahestehendes Tier verehrt und gefüttert (8; daraus auch die diversen Abbildungen dieses Beitrages zu indischen Gottheiten und Priestern).In Indien scheint es außerdem sogar ganze Stämme zu geben, die traditionellerweise vom Rattenfang leben. Diese bis zu 3 Millionen Menschen zählenden Stämme leben an der untersten Armutsgrenze und gehören zu den "Unberührbaren". (9)In Indien wie in anderen Teilen Asien werden die Ratten auf den Feldern gejagt, etwa vergleichsweise zur Jagd auf Feldhasen in Europa.4. Die Hausratte - gebunden an die großen Handelsrouten der Römer, Araber und Briten (in Antike, Mittelalter und Neuzeit)In Europa nun hat sich die Hausratte erst - offenbar - mit einigen der frühesten Großstädte der Menschheitsgeschichte ausgebreitet. Das sind sicherlich andere Umstände als in Südasien. Auf Wikipedia finden sich zu ihrer Ausbreitungsgeschichte folgende Hinweise (a):Als ihre ursprüngliche Heimat gilt Südindien, von hier gelangte sie durch den bronzezeitlichen Handel nach Persien und dem Zweistromland. Aus Tell Isan Bahriyat (Iran) liegen Nachweise von Rattus rattus aus der Zeit um 1500 v. Chr. vor. Aus dem Zweistromland gelangte sie nach Ägypten und ins östliche Mittelmeer.Frühe Berichte über mittelbar durch Ratten ausgelöste Pestepidemien, beispielsweise die durch Thukydides besch... Read more »

  • January 6, 2010
  • 04:46 PM
  • 149 views

Zur Religions- und Stadtgeschichte des bronzezeitlichen Mitteleuropa

by Ingo Bading in Studium generale

Personale Gottheiten und Himmelskunde in den ersten Städten MitteleuropasDie beiden letzten Jahrzehnte haben eine große Fülle an Erkenntnisfortschritten in der Erforschung der mitteleuropäischen Bronzezeit gebracht. (Eine zum Teil willkürliche Literatur-Auswahl: 1 - 9.) Der weitaus bekannteste Wissensfortschritt stellte natürlich die Entdeckung der "Himmelsscheibe von Nebra" in den Jahren zwischen 1999 und 2001 dar (3). Dieser Fortschritt wurde weit über die Fachgrenzen der Wissenschaft hinaus bekannt. Und diese Entdeckung gab Anlaß zu aufwendigen Ausstellungen (1, 3).1. Die spätbronzezeitliche Höhenburg von Bernstorf bei München (1350 v. Ztr.) (11, S. 80f)Aber diese Entdeckung der "Himmelsscheibe" ist bislang vor allem als ein isolierter, einzelner "Wissensbaustein" im kulturellen Gedächtnis der Menschheit verankert geblieben. Die Sicht auf den gesellschaftlichen Kontext, in den eingebettet die "Himmelsscheibe" gedacht werden muß, die Sicht auf die mitteleuropäische Bronzezeit überhaupt hat sich durch die Entdeckung derselben zunächst eigentlich gar nicht besonders geändert. Es sind vielmehr durch die Entdeckung der Himmelsscheibe mehr neue Fragen aufgeworfen worden, als schon sichere Antworten hatten gegeben werden können.2. Die Himmelsscheibe von Nebra war - zusammen mit Waffen - wahrscheinlich als Weihgabean die Götter am Hang eines Berges niedergelegt worden (2.000 - 1.600 v. Ztr.)Und doch gibt es eine Fülle neuer Einsichten, die dazu angetan sind, unsere Sicht auf die mitteleuropäische Bronzezeit ganz grundlegend zu verändern. (10 - 15) Es sind in Kürze auch - aufgrund mehrerer derzeit laufender DFG-Forschungsprojekte zu bronzezeitlichen Höhenburgen - noch weitere Einsichten und die Absicherung von bisher nur als Hypothese geäußerten Vermutungen zu erwarten (15).Die tocharischen Wüstenmumien (1.800 - 200 v. Ztr.)Das höchstwahrscheinlich aus der mitteleuropäischen Frühbronzezeit stammende Volk, dem die Wüstenmumien in der Taklamakan in Innerasien (Wikip.) angehören werden, das Kentum-sprachige Volk der Tocharer, rückte ebenfalls erst jüngst näher in den Fokus der europäischen Forschung (6, 16 - 18). Dieses Volk lebte von der frühen Bronzezeit bis in die Spätantike in den Handels- und Oasenstädten entlang der Seidenstraße.3. Weibliche tocharische Wüstenmumie, TaklamakanDer gute Erhaltungszustand dieser Mumien und viele von ihnen in Innerasien weiter gelebte Züge der europäischen Kultur ermöglichen es, durch ihre Erforschung vieles über die europäische Bronzezeit zu erfahren, was wir aus zeitgleichen Funden in Europa niemals würden erfahren können. In Innerasien können wir mit diesen Wüstenmumien Menschen ins Gesicht schauen, die in sehr vielen Dingen jenen Menschen geähnelt haben könnten, die zeitgleich in Europa gelebt haben, von denen wir aber in Europa bestenfalls Knochen erhalten haben. Fast niemals Kleidung oder gar Haut und Gesichtszüge.4. Die "Schöne von Loulan", Taklamakan (1.800 v. Ztr.) (NYT 2008)Deshalb sollen an an dieser Stelle zunächst einige eher willkürlich gewählte Bild-Impressionen von den tocharischen Wüstenmumien der Taklamakan gegeben werden (Abb. 3 - 8).5. Die "Schöne von Loulan", Taklamakan (1.800 v. Ztr.)Der menschliche Stimmungsgehalt, den diese Mumien ausstrahlen, führt einen vielleicht am direktesten in die Stimmungsgehalte jener Zeit hinein, die wir so allgemein europäische Bronzezeit zu nennen gewohnt sind.6. Weibliche tocharische Wüstenmumie, Taklamakan (1.500 v. Ztr.)7. Der "Mann von Cherchen", TaklamakanEs ist vor allem auch die Gelassenheit und ruhige Selbstverständlichkeit, die aus diesen Gesichtern spricht - bei gleichzeitig zum Teil ungewöhnlicher, ja, nach heutigem Eindruck fast "märchenhaft"-versponnener Kleidung, die einem das Gefühl gibt, hier einen sehr intimen Blick in den Geist der Bronzezeit werfen zu dürfen.8. Die heilkundige Frau von Subashi (200 v. Ztr.) mit einem imponierenden Spitzhut,der an die mitteleuropäischen, bronzezeitlichen Goldhüte erinnertDiese Gesichter und ihre Kleidung (Federn an der Mütze ...) machen einem bewußt, daß im Grunde genommen auch die bekannten Funde in Europa letztlich "märchenhaft" sind. Da werden Fürsten mit Bogen begraben (Amesbury-Bogenschützen-Fürst). Sie tragen - aus heutiger Sicht - "märchenhafte" Schwerter, "märchenhafte" Helme, "märchenhaften" Schmuck.Es ist wichtig, solche Eindrücke einmal festzuhalten und sich bewußt zu machen. Denn sie könnten schon hinleiten auch in Erkenntnisse zur Religionsgeschichte des bronzezeitlichen, mitteleuropäischen Menschen. Auch diese könnte ja in gewissem Sinne - - - "märchenha... Read more »

  • November 21, 2009
  • 07:08 AM
  • 134 views

3.100 v. Ztr.: Mecklenburger Jäger und Fischer tragen einige Bandkeramiker-Gene in sich

by Ingo Bading in Studium generale

Aber auch ihre Gene sind bis heute ausgestorbenDie Erkenntnisse zur Humanevolution der frühesten Bauernvölker Europas wachsen derzeit exponentiell an. Fragen, um die sich die Archäologen und Anthropologen seit vielen Jahrzehnten weitgehend unentschieden die Köpfe zerbrochen haben, werden durch neue Studien an Genresten in überkommenen Skeletten ("ancient DNA") derzeit einer einigermaßen definitiven Klärung entgegengeführt. Dies ist ein ungeheurer Fortschritt in der Wissenschaft, über den "Studium generale" gerne sich und andere auf dem Laufenden hält.Zur Rekapitulation: Um 4.100 v. Ztr. entstand in Ostholstein die älteste Bauernkultur im Ostseeraum, die Trichterbecherkultur (archäologische Stufe "Wangels"). Sie breitete sich in den weiteren Jahrhunderten rund um die Ostsee aus. Merkwürdiger- oder interessanterweise lebten aber zu dieser Bauernkultur benachbart noch 2.000 Jahre lang sehr konservative Bevölkerungen von Fischern, Jägern und Sammlern. So in Südschweden und auf den Schweden vorgelagerten Ostsee-Inseln wie Gotland bis in die Zeit um 2.300 v. Ztr. hinein. Es handelte sich dort um die Kultur der sogenannten Grübchen- oder Kammkeramiker.Im vorigen St. gen.-Beitrag behandelten wir DNA-Untersuchungen an Skeletten dieser mesolithischen Bevölkerung auf Gotland (1). Sie weist wenig genetische Verwandtschaft mit heutigen Bevölkerungen in Nordeuropa auf. So das Ergebnis. Weder mit heutigen Schweden, noch mit heutigen Saamen. Noch am ehesten kann man von einer genetischen Verwandtschaft mit heutigen Letten sprechen. Aufgrund dieser Untersuchungen kann gefolgert werden, daß die ersten Bauern des Ostseeraumes, die Trichterbecherleute, genetisch ein anderes Profil hatten als die letzten Jäger und Sammler in diesem Raum.Größere KartenansichtFrüher Schweriner und ihre Stellung in der Weltgeschichte (3.100 v. Ztr.)Und genau dieses Ergebnis ergibt sich auch aus einer zweiten, im Oktober an prominenter Stelle veröffentlichten Studie an mesolithischen Skeletten. Unter anderem an Skeletten einer tausend Jahre älteren, ebenfalls sehr konservativ lebenden Bevölkerung im Seengebiet Mecklenburgs, nämlich der heutigen Stadt Schwerin (2 - 4). Genauer in Schwerins südlichem Vorort Ostorf.Größere KartenansichtWie man auf den Google-Karten sieht (die dummen Adressfelder bitte wegklicken), liegen die Stadt Schwerin und ihre Seen zwar geographisch einigermaßen benachbart zu Ostholstein und der Ostseeküste. Aber sie liegen doch zugleich auch viele Kilometer im Landesinneren. Und noch heute kann man an der starken Bewaldung der Seeufer (siehe Bild ganz oben) sehen, daß diese Seeufer bis heute als nicht sehr geeignet für Ackerbau und Viehzucht angesehen worden sind. Und hier wurden 1961 auf der kleinen, seither "Toteninsel" genannten Insel "Tannenwerder" im Ostorfer See etwa 70 Flachgräber aus der Zeit von 3.200 bis 3.000 v. Ztr. ergraben.Da diese Skelette sich in den Lagerräumen gut erhalten haben, konnten aus ihnen für die neue Studie DNA-Reste extrahiert und analysiert werden. Überraschenderweise haben auch am Ostorfer See noch um 3.000 v. Ztr., also 1.000 Jahre nach Entstehung der Trichterbecherkultur in Ostholstein (!), Fischer, Jäger und Sammler gelebt. Neueste anthropologische Studien bestätigen die schon 1961 gemachten, bis lang wenig bekannt gewordenen archäologischen Erkenntnisse (3, 4):„Das waren keine Bauern, sondern Paddler“, sagt Thomas Terberger über die Ostorfer von einst. Ihre Armknochen weisen die modifizierten Muskelansatzstellen auf, wie sie für Kajakfahrer oder Kanuten typisch sind. Und zwar bei Männern wie Frauen. Das jedenfalls entdeckten Mainzer Anthropologen vor kurzem bei einer morphologischen Untersuchung. Die Kiefer verrieten ihnen, dass die Jäger und Sammler das frugale Mahl intensiv kauen mussten. Sie verzehrten Fleisch und Rohkost, aber kaum Kohlenhydrate. Trotzdem konnte ihre mesolithische Diät sie nicht vor Karies bewahren. Auch zeigen die bei Ostorf geborgenen Skelette Abnutzungsspuren auf; die veränderten Bein- und Hüftknochen zeugen von starker Mobilität. Ähnliche Merkmale sind heute bei Marathon- und Langstreckenläufern zu beobachten.Frühe Schweriner waren Langstreckenläufer, Kajakfahrer und KanutenDiese Skelette weisen also auf eine ganz andere, viel konservativere Lebensweise hin, als die Skelette von zeitgleichen Bauern in Norddeutschland. Diese "Ostorfer" müssen eine so ausreichend große Siedlungsdichte an den Seen gehabt haben, daß es ihnen über Jahrhunderte hinweg gelungen ist, sich wahrscheinlich auch militärisch gegenüber den sie umgebenden Bauernvölkern zu behaupten. Schon vom gesunden Menschenverstand ausgehend kann angenommen werden, daß man auch in einem gewissen - wie die Ernährung zeigt aber nicht sehr umfangreichen - arbeitsteiligen Austausch-Verhältnis mit den umgebenden Bauernvölkern gestanden haben kann.Genau dieser Umstand scheint sich auch in ihren Genen wiederzuspiegeln. Unter den vielen in der neuen Studie untersuchten DNA-Resten in mesolithischen Skeletten aus Litauen, Polen, Rußland und Deutschland, die alle heute in Europa weitgehend ausgestorbene Gentypen und auch keine Verwandtschaft mit frühen europäischen Bauernvölkern aufweisen, fallen nur die Ostorfer Skelette etwas aus dem Rahmen:The only exception is the site Ostorf (northern Germany), where two individuals carried haplogroup T2, which is also found in our LBK sample. We are cautious about interpreting this as a signature of local admixture, particularly because the hunter-gatherer and early farmer T2 types belong to different sublineages, but it is notable that Ostorf is culturally a Mesolithic enclave surrounded by Neolithic Funnel-beaker farmers and is the only hunter-gatherer site where any non-U mtDNA types were observed.Ein kleiner Anteil genetischer Einmischungen von Bauern?Zu Deutsch: Im Unterschied zu allen übrigen, mesolithisch lebenden, untersuchten Bevölkerungen fand man nur bei den Ostorfern in zwei Skeletten DNA-Reste, die man auch bei dem - nach derzeitigem Stand - heute genetisch weitgehend ausgestorbenen Volk der Bandkeramiker ("LBK") schon in einer früheren Studie gefunden hatte.Da die Ostorfer umgeben waren, wie die Studie auch weiß, von Trichterbecher-Leuten ("Funnelbeacker farmers") kann das auf einige Vermischungen entweder mit den Trichterbecherleuten oder mit der vorhergehenden Michelsberger Kultur zurückgeführt werden, welche wiederum in Teilen das genetische Erbe der Bandkeramik oder ihr nahestehender Bevölkerungen in sich getragen haben könnte. Ein genetisches Erbe, das zumindest in seiner Spezifität in den weiteren Jahrhunderten bis heute in Mitteleuropa dann völlig verloren ging.AusblickSchon diese ersten "ancient DNA"-Forschungen zeichnen ein sehr differenziertes Bild der frühneolithischen Bevölkerungsgeschichte Europas. Sie werden sicherlich in den nächsten Jahren nach und nach noch viele weitere, sehr ausdifferenzierte Erkenntnisse zur Bevölkerungsgeschic... Read more »

Bramanti B, Thomas MG, Haak W, Unterlaender M, Jores P, Tambets K, Antanaitis-Jacobs I, Haidle MN, Jankauskas R, Kind CJ.... (2009) Genetic discontinuity between local hunter-gatherers and central Europe's first farmers. Science (New York, N.Y.), 326(5949), 137-40. PMID: 19729620  

  • November 18, 2009
  • 12:09 PM
  • 172 views

4.100 v. Ztr.: Die modernen Nordeuropäer entstehen in Ostholstein

by Ingo Bading in Studium generale

Zusammenfassung:Eine neue Studie an DNA-Resten aus 19 spätmesolithischen Skeletten von der Ostseeinsel Bornholm (um 2.500 v. Ztr.) (1) vermehrt die Belege dafür, daß die heutigen Nordeuropäer zu größeren Teilen von den ersten Ackerbauern des Ostseeraumes abstammen und nicht von den vormaligen spätmesolithischen Jägern und Fischern des Ostseeraumes. Dies braucht aber nicht zu heißen, daß die spätmesolitischen Fischer durch Bauern- und bronzezeitliche Kulturen aus ganz anderen geographischen Regionen ersetzt worden sind. Vielmehr wird es sich um eine vergleichsweise kleine Gründerpopulation in Ostholstein gehandelt haben (archäologische Stufe "Wangels"; um 4.100 v. Ztr.), in der auch über kürzere historische Zeiträume hinweg sich stärkere genetische Veränderungen ergeben haben können, und die in Auseinandersetzung - und ggfs. auch Vermischung - mit Menschen der südlicheren Michelsberger Kultur eine neue Ethnie mit neuer Genetik und neuer Lebensweise herausgebildet haben könnte: die Trichterbecher-Kultur.Diese Feststellungen können wiederum als ein weiterer Hinweis darauf gelten, daß die Humanevolution in einem (dialektischen?) Wechselspiel von Aussterbeereignissen größerer Völkerschaften und Kulturen stattfindet, die mehr oder weniger regelmäßiger wiederkehrend (von weniger komplexer Kulturstufe schrittweise zu komplexerer Kulturstufe fortschreitend) durch das jeweilige explosive Bevölkerungswachstum aus ursprünglich vergleichsweise kleinen Gründerpopulationen heraus ersetzt werden. Die kleinen Gründerpopulationen wären es dann vor allem, in denen die wesentlichsten genetischen und kulturellen Veränderungen und Neuanpassungen stattfinden, die für den Übergang zu der jeweils nächsten gesellschaftlichen Komplexitätsstufe erforderlich waren (Gen-Kultur-Koevolution).Die Geschichte des europäischen Frühneolithikums, der ersten Bauernvölker Mitteleuropas, insbesondere aber auch derjenigen Nordeuropas, ist eine ungeheuer spannende. (1 - 13) In den Jahrtausenden des Rückzugs des Eises nach der Eiszeit hatte sich Mitteleuropa schließlich flächendeckend der Wald ausgebreitet, vor allem Lindenwälder. In Nordeuropa hingegen konnten die Menschen noch für viele Jahrhunderte die traditionelle eiszeitliche Lebensweise der Rentierjäger fortsetzen.In den mitteleuropäischen Urwäldern lebten nur noch vergleichsweise wenige Menschen. Die wenigen Funde, die auf menschliche Besiedlung deuten, werden von der Wissenschaft unter dem Begriff "Mesolithikum" ("Mittelsteinzeit") zusammen gefaßt. Die Mesolithiker lebten vor allem an den Ufern von Gewässern, von Seen, auch an überhängenden Abbruchkanten von Bergen. Schließlich an den Küsten von Nord- und Ostsee. Sie lebten als Rentierjäger, später als Fischer und als Jäger von vielfältigen Wildarten, sowie als Sammler, auch von Muscheln, Baum- und Strauchfrüchten.Eine neue Lebensweise breitet sich aus (5.500 v. Ztr.)Über den Balkan breitete sich dann - von der anatolischen Halbinsel aus kommend - die Kultur von Ackerbau und Viehzucht als eine Dorfkultur aus. Durch Begegnung der einheimischen mesolithischen Gruppen mit den neolithischen Dorfkulturen des Balkanraumes formte sich vor allem am Ufer des Plattensees und in seiner näheren Umgebung - also im heutigen österreichisch-ungarisch-mährischen Grenzraum - eine weltgeschichtlich ungeheuer einflußreiche, neue Kultur aus: Die Kultur der Bandkeramiker. Sie ist charakterisiert nicht durch eine Siedlungsweise in kleinen, zu Dörfern zusammengestellten Häusern, sondern durch einzeln oder locker in Weiler zusammen stehende, bis zu 30 Meter lange Langhäuser. Eine weltgeschichtlich völlig neue Art des Siedelns und Wohnens.Aus einer kleinen Ausgangsregion hervorgehend breitete sich die Kultur der Bandkeramik innerhalb von nur wenigen Jahrhunderten ab 5.500 v. Ztr. über ganz Mitteleuropa bis zum Nordrand der Mittelgebirge aus. Dies war nur möglich durch einen Kinderreichtum, wie er etwa auch noch bei den stark religiös geprägten deutschen Rodungsbauern in Wolhynien im 19. Jahrhundert festgestellt werden kann, die noch im 19. Jahrhundert in Ostpolen eine vergleichbare Arbeit an Rodungsarbeit geleistet haben wie sie auch für die Bandkeramiker 7.500 Jahre zuvor vorausgesetzt werden muß. (s. Stud. gen.)Die noch pferde- und räderlose Kultur der Bandkeramik existierte etwa 800 Jahre lang und wurde von nachfolgenden kleinräumiger verteilten Bauernkulturen abgelöst. Jedoch erreichten alle nachfolgenden Bauernkulturen in Mitteleuropa bis zum Frühmittelalter niemals mehr die vergleichsweise hohe Siedlungsdichte der Bandkeramiker. (Siehe frühere Beiträge auf St. gen..) Dieses Charakteristikum und noch so manches andere deutet auf die Besonderheit und Einzigartigkeit der Kultur der Bandkeramik hin.Im Ostseeraum wird man moderner, bleibt aber bei der Lebensweise der Fischer und Jäger (5.100 v. Ztr.)In der norddeutschen Tiefebene kam es zu Begegnungen und Kulturkontakten der südlichen, seßhaften Bandkeramiker mit dort lebenden, bislang nur halbseßhaften mesolithischen Gruppen. Sicherlich auch auf diese Einflüsse zurückzuführen ist die Ausbildung einer vergleichweise siedlungsdichten, spätmesolithischen Kultur im Ostseeraum, nämlich der "Ertebølle"-Kultur (seit 5.100 v. Ztr.), wahrscheinlich aus der dort bestehenden, siedlungsärmeren mesolithischen Vorgängerkultur heraus. Diese Menschen der Ertebølle-Kultur lebten an der Küste der Ostsee - zeitgleich zur Bandkeramik - vor allem von der Jagd und vom Fischfang.Zur Zeit des Untergangs der Bandkeramik, um 4.750 v. Ztr. herum, ging auch die ... Read more »

Malmström H, Gilbert MT, Thomas MG, Brandström M, Storå J, Molnar P, Andersen PK, Bendixen C, Holmlund G, Götherström A.... (2009) Ancient DNA reveals lack of continuity between neolithic hunter-gatherers and contemporary Scandinavians. Current biology : CB, 19(20), 1758-62. PMID: 19781941  

Zvelebil, M., & Dolukhanov, P. (1991) The transition to farming in Eastern and Northern Europe. Journal of World Prehistory, 5(3), 233-278. DOI: 10.1007/BF00974991  

Price, T., Ambrose, S., Bennike, P., Heinemeier, J., Noe-Nygaard, N., Petersen, E., Petersen, P., & Richards, M. (2007) NEW INFORMATION ON THE STONE AGE GRAVES AT DRAGSHOLM, DENMARK. Acta Archaeologica, 78(2), 193-219. DOI: 10.1111/j.1600-0390.2007.00106.x  

  • July 17, 2009
  • 09:46 AM
  • 249 views

Wie breiten sich menschliche Gene und kulturelle Merkmale aus?

by Ingo Bading in Studium generale

Welche Faktoren bestimmen die heutige Verbreitung von kulturell und genetisch bestimmten Merkmalen des Menschen?Es kann sich dabei im wesentlichen um Zufallsfaktoren handeln. Also es kann sich etwa um das eher zufällige "Herumdriften" von genetisch und kulturell bestimmten Eigenschaften handeln. Diese Eigenschaften "driften" dann - etwa so wie ein Korken, der im Meer schwimmt - auf eher zufällige Weise über die Erdoberfläche, von Kontinent zu Kontinent. Menschen haben, bevor sie sterben, Kinder oder nicht auf eher zufällige Weise und geben an sie auf eher zufällige Weise bestimmte kulturelle Eigenschaften weiter, andere nicht.Menschen - oder nur die von ihnen weitergegebenen kulturellen Merkmale - wandern über die Erdoberfläche oder bleiben an einem Ort, wo sie geboren wurden und wo die Merkmale entstanden sind - auch eher zufällig. Und dort werden sie von Generation zu Generation weitergegeben oder sie sterben dort wieder aus - auch eher zufällig.Es kommt an dem einen Ort zur explosiven, zahlenmäßigen Zunahme von Trägern genetisch oder kulturell bestimmter Eigenschaften (durch Bevölkerungswachstum oder durch kulturelle "Moden", Meinungsumschwünge, Anpassungen an eine neue Lebensart, etwa an den "american", "hellenistic", "roman" oder "agrarian" "way of life"). Und an einem anderen Ort vielleicht kommt es zum implosiven Aussterben von Trägern bestimmter genetischer oder kultureller Merkmale.All das könnte mehr oder weniger regellos, gesetzlos geschehen. Es könnte kaum vorhersehbar, kaum berechenbar sein. Wenn irgendwo vor Ort sich Träger genetischer oder kultureller Merkmale sehr plötzlich vermehren sollten, könnte das bloß ein eher zufälliges "Aufbauschen" von ebenso eher zufällig dort vorhandenen Merkmalen sein."Selektion" oder "Drift" - Zufall oder Regelhaftigkeit?In all diesen Fällen würde man aus Sicht eines evolutionären Denkens sagen, daß hier überall keine oder kaum "Selektion" stattfindet, sondern bloßes "Driften" von Eigenschaften und Merkmalen. Und wenn behauptet wird, die letzten 200.000 Jahre Humanevolution wären insgesamt von "wenig Selektion" bestimmt gewesen (siehe Stud. gen., Alles was lebt), dann wird eben genau das behauptet, was eben ausgeführt worden ist. Zumindest der Tendenz nach.Nun ist es aber so, daß sich das menschliche Denken - und im Anschluß daran erst recht die Wissenschaft - selten und höchst ungern damit zufrieden geben, wenn von bestimmten Phänomenen bloß gesagt wird, es handele sich halt um - wenig nachvollziehbare - Zufallsereignisse. Dazu ist menschliches Denken und Wissenschaft ja vor allem da, in das Chaos der dem Menschen begegnenden Erscheinungen Ordnung hineinzubringen, in ihnen Muster zu erkennen, wiederkehrende und damit irgendwie regelhafte Abläufe, Gesetzmäßigkeiten zu finden. Vielleicht sogar schließlich Kausalitäten zu entdecken, das heißt Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Und aus der Kenntnis derselben können dann wieder neue Schlußfolgerungen abgeleitet werden, "Nutzanwendungen".Wir geben uns also selten einfach damit zufrieden, von einem Phänomen zu sagen, es handele sich um ein bloßes Zufalls-Ereignis. - In der Quantenphysik hat man den Charakter der Zufälligkeit und Unbestimmtheit des Umlaufbahnenwechsels eines Elektrons auch erst nach außerordentlich heftigen Debatten anerkannt. Wobei Albert Einstein wohl bis zum Ende seines Lebens daran festhielt, daß Gott "nicht würfele", daß hier also doch noch Kausalzusammenhänge vorliegen müßten.Würfelt Gott in der Humanevolution?Um so verwunderlicher, daß manche Wissenschaftler und Wissenschaftsberichterstatter dazu neigen, derzeit vor allem Zufallsfaktoren, statt konkrete selektive Faktoren zu betonen zur Erklärung der heutigen Verbreitung kulturell und genetisch bestimmter Merkmale des Menschen und in der Humanevolution überhaupt. Und zwar das sogar auffällig schnell, noch bevor es überhaupt zu hartnäckigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen gekommen ist, wie sie - etwa - zwischen Heisenberg, Bohr und Einstein geführt worden sind. (siehe Stud. gen., Alles was lebt)Ein Nebengedanke drängt sich hier auf: Überall, wo bloßer Zufall im Spiel ist im menschlichen Handeln, hat das menschliche Verantwortungsbewußtsein weniger Anlaß, sich angesprochen zu fühlen, denn dann handelt es sich ja bloß um eine weitgehend unbeeinflußbare "Glückssache" oder um "Pech". (siehe Stud. gen.). (Ebenso wenig übrigens dann, wenn ein Vorgang stur und unbeeinflußbar, "starr" gesetzmäßig abläuft.)Wenn also irgendwo von einem Phänomen gesagt wird, es sei weitgehend ein Zufallsereignis (etwa von der Entstehung des Weltalls überhaupt, von der Entstehung des Lebens auf der Erde oder eben von der derzeitigen Verbreitung kulturell und genetisch bestimmter Merkmale des Menschen), dann könnte das auch auf der psychologischen Tendenz und Neigung von Menschen beruhen, sich von eigener Verantwortung bezüglich irgendwelcher Dinge - etwa gar der Natur insgesamt gegenüber oder der eigenen Natur gegenüber - freisprechen zu wollen. Auf diese Möglichkeit soll ja hier nur einmal hingewiesen werden. Sie soll sonst nicht Thema dieses Beitrages sein.Wünschen wir es uns heute, daß gewürfelt worden sein soll in der Humanevolution?(Es könnten sich hier jedenfalls immer wieder un-, halbbewußt oder bewußt naturalistische Schlüsse und Fehlschlüsse mit hineinmogeln bei der Beurteilung wissenschaftlich zu erforschender Phänomene. Das würde also dazu führen, daß man jene Aspekte hervorhebt, die einem besonders angenehm erscheinen - für das eigene Selbst- und Weltbild - und man würde versuchen zu vermeiden, solche Aspekte in ihrem Wahrheitsgehalt als richtig anzuerkennen oder zumindest ihren Wahrheitsanspruch ernsthaft zu überprüfen, die einem aufgrund naturalistischer Schlüsse und Fehlschlüsse sowieso schon irgendwie "unangenehm" oder "suspekt" erscheinen.)Bezüglich solcher Fragen liest sich die im vorletzten Beitrag (Stud. gen.) behandelte Studie "The Role of Geography in Human Adaption" - recht "kryptisch". Sehen wir uns deshalb doch einmal nach Studien um, die sich bezüglich solcher Fragen weniger "kryptisch" lesen und darum eine erste und zugleich auch günstigere Annäherung an die eingangs gewählte Fragestellung ermöglichen.Dazu soll hier auf den eingängigen Aufsatz "Semes and Genes in Africa" von Barry S. Hewlett (siehe Bild rechts) und Koautoren hingewiesen werden. (1, pdf., siehe auch: 2) In ihren einleitenden Überlegungen im theoretischen Teil nennen Hewlett und Mitarbeiter drei verschiedene Möglichkeiten, wie sich kulturelle Merkmale des Menschen ausbreiten können: 1. zusammen mit der Ausbreitung eines Volkes oder Stammes ("Demic diffusion"), 2. durch Übernahme ursprünglich "ausländischer", fremder Kultur aus einer anderen geographischen Region ("Cultural diffusion"), 3. dadurch, daß lokale Stämme durch Versuch und Irrtum jeweils selbständig bestimmte kulturelle Merkmale entdecken und annehmen ("Local adaption"). Im empirischen Teil untersuchen sie dann, wie es sich bezüglich dieser drei Modelle in der Empirie von 36 ethnischen Gruppen im afrikanischen Raum verhält. Für diese untersuchen sie jeweils 109 scharf umrissene kulturelle Merkmalen, wie sie im viel benutzten "Ethnographischen Atlas" (erstmals von Murdock 1967) weltweit für alle Ethnien zusammengestellt worden sind. (Z. B. Hausbauform, Eheformen, Siedlungsweise, Wirtschaftsweise und vieles andere mehr.)Drei Möglichkeiten der Ausbreitung kultureller Merkmale Auf die statistischen Detailerläuterungen und viele andere Detailfragen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Ihr erstes, recht auffälliges Ergebnis ist, daß die natürliche Umwelt wenig Einfluß auf die Verbreitung der untersuchten kulturellen Merkmale hatte. Das würde also zunächst einmal schon sehr gut zu einigen Erkenntnissen der im vorletzten Beitrag behandelten Studie "The Role of Geography in Human Adaption" passen, wo ebenfalls keine sehr engen Zusammenhänge zwischen Klimazonen und genetisch bestimmten Eigenschaften des Menschen festgestellt worden sind (obwohl es sich unter anderem um Hautfarben-Gene handelte), wo aber solche engen Zusammenhänge zwischen genetisch bestimmten Eigenschaften und dem genetischen Verw... Read more »

Hewlett, B., De Silvestri, A., & Guglielmino, C. (2002) Semes and Genes in Africa. Current Anthropology, 43(2), 313-321. DOI: 10.1086/339379  

Ehrlich, P., & Levin, S. (2005) The Evolution of Norms. PLoS Biology, 3(6). DOI: 10.1371/journal.pbio.0030194  

  • July 16, 2009
  • 03:45 PM
  • 268 views

"Das größte genetische Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde"

by Ingo Bading in Studium generale

"Das indische Kastensystem war das größte genetische Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde."("The caste system in India was the grandest genetic experiment ever performed on man.”)So lautet eines der vielen eingängigen Zitate, die, formuliert von berühmten biologischen Vordenkern wie Charles Darwin oder Theodosius Dobzhansky, Zusammenhänge auf den Punkt bringen und deshalb immer wieder einmal gerne zitiert werden, wenn eben auf diese Zusammenhänge selbst das Augenmerk gerichtet werden soll. Übrigens stammt auch dieses - sollte es noch jemanden verwundern? - vom "großen" Theodosius Dobzhansky. Jedenfalls ist dieses Zitat auch wieder einer neuen genetischen Studie über Indien vorangestellt worden (2, pdf.), die unter der Koautorschaft des britischen Humangenetikers Chris Tyler-Smith veröffentlicht worden ist. Und tatsächlich beherbergt Indien ja "eine der kulturell heterogensten menschlichen Gesellschaften überhaupt",wie es in einer anderen Studie (3) heißt. Schon im Jahr 1983 war dazu in den "Annals of Human Biology" eine lesenswerte Studie erschienen mit dem Titel: "Die Bedeutung des indischen Kastensystems hinsichtlich der evolutionären Anpassung - eine ökologische Perspektive" ("Adaptive significance of the Indian caste system: an ecological perspective") (1, pdf.). Diese Studie des indischen Biologen Madhav Gadgil (geb. 1942) gibt einen guten Eindruck von dem vielfältigen Zusammenleben und von dem vielfältigen Aufeinander-angewiesen-Sein der zahlreichen traditionellen, endogam lebenden Stämme und Kasten in der indischen Gesellschaft. Sie gibt auch einen guten Eindruck von der jeweilig recht einzigartigen ökologischen und wirtschaftlichen Spezialisierung und "Einnischung" jeder einzelnen Kaste und jedes einzelnen Stammes sowohl in die indische Gesamtgesellschaft, als auch in die jeweiligen natürlichen Lebensbedingungen und Klimazonen vor Ort.Ein spannendes Thema, diese vielfältigen Verflechtungen von Gruppen nun zusätzlich noch mit etwaigen jeweiligen genetischen (Fitneß-)Interessen von endogamen Stammes- und Kasten-Gruppen in Abgleich zu bringen, so wie man es ja auch schon im Titel bei dem Begriff "adaptive" heraushören mag. (Oder sie auf jeweilige "gruppenevolutionäre Strategien" hin zu untersuchen.)Und auf solche Dinge wird dann auch tatsächlich am Ende des Aufsatzes (S. 473) hingedeutet, wenn ausgeführt wird, daß man die in diesem Aufsatz erforschten wirtschaftlichen Spezialisierungen und "Einnischungen" der jeweiligen Kasten und Stämme künftig auch noch unter der breiteren Perspektive der Gen-Kultur-Koevolutions-Theorien von Edward O. Wilson & Charles Lumsden (1981) und Luigi Luca Cavalli-Sforza & Marcus Feldman (1981) erforschen wolle. An welcher Stelle Gadgil selbst seither noch einmal auf diese Ansätze zurückgekommen ist, ist einer schnellen Literatur-Recherche nicht zu entnehmen.Aber schon die Veröffentlichungsliste dieses innerhalb der Forschung wohl nur Kennern bekannten indischen Anthropologen Madhav Gadgil weist viele weitere, ähnlich interessante Themen auf. Schon 1975 veröffentlichte er zum Beispiel - und zwar über Edward O. Wilson - eine theoretische Studie zum Thema Gruppenselektion (pdf.). Er könnte also zusätzlich zu der anregenden Studie von 1983 noch mancherlei Anregendes verfaßt haben oder weiterhin zu verfassen im Sinn haben.1. In China genetische Einebnung, in Indien genetisches Kontrast-Programm zwischen GruppenAber genau solche Fragestellungen werden auch schon in der genannten neuen genetischen Studie von 2008 angegangen. (2) Und zwar anhand der genetischen Vielfalt, die das Y-Chromosom bei Menschen verschiedener Stämme und Kasten in Indien aufweist. Es wird die genetische Vielfalt innerhalb und zwischen verschiedenen Stämmen und Kasten in Indien verglichen mit der genetischen Vielfalt innerhalb und zwischen "Populationen" in China. Eine Vergleichbarkeit ist ja schon insofern gegeben, als sowohl in Indien wie in China heute jeweils über 1 Milliarde Menschen leben. Hinsichtlich Chinas sind in die Studie auch so unterschiedliche ethnische Gruppen ("Populationen") mit einbezogen worden wie die Ewenken, die Tibeter, die Uiguren, die Koreaner. Daneben zahlreiche lokale Han-Gruppen und zahlreiche südchinesische ethnische Populationen, die aber zumeist heute schon sehr weitgehend "sinisiert" sind. (Deshalb wohl auch wird in der Studie durchgängig bezüglich China von "Populationen" gesprochen, während bezüglich von Indien von "Ethnien" und "Kasten" gesprochen wird.)Nach den Ergebnissen dieser Studie sind nun die genetischen Unterschiede zwischen den heutigen Stämmen und Kasten in Indien deutlich "kontrastreicher", "konturenreicher", "unebener" als zwischen den heutigen "Populationen" in China, sogar dann, wenn in China solche Gruppen wie die Uiguren mit hineingenommen werden. Einerseits ist also - insgesamt gesehen - die genetische Einheitlichkeit innerhalb der Stämme und Kasten Indiens größer als die genetische Einheitlichkeit innerhalb der jeweiligen untersuchten Populationen Chinas. Andererseits ist die genetische Vielfalt zwischen den Stämmen und Kasten Indiens größer als die zwischen den Populationen Chinas.Während also innerhalb von China die genetischen Populationsunterschiede im Vergleich zu Indien mehr "eingeebnet" erscheinen - wie gesagt, sogar unter Einschluß solcher Gruppen wie der Uiguren -, scheinen sie in Indien deutlicher prononciert und "unebener", "bergiger" in den genetischen Häufigkeitsverteilungen zu sein.Es drängt sich geradezu der Eindruck auf - und dies wäre schon Teil einer selbständigeren Interpretation der Ergebnisse dieser Studie -, als ob der starke kulturelle Trend zur konfuzianischen "Vereinheitlichung" und zum Konformismus in China, zur "Sinisierung" seit hunderten oder tausenden von Jahren - man kann sicherlich auch sagen: der kulturelle "Druck" diesbezüglich innerhalb der dominierenden Han-Bevölkerung und von dieser auch gegenüber anderen ethnischen Gruppen - sich auch auf genetischer Ebene in Richtung auf eine stärkere Einebnung genetischer Unterschiede zwischen Gruppen ausgewirkt hat. Also auf eine gleichmäßigere Verteilung der genetischen Vielfalt auf die Gesamtbevölkerung. Auf eine Einebnung von genetischen Gruppenunterschieden - zumindest im Vergleich zu Indien. Die genetische Vielfalt ist jedenfalls innerhalb der chinesischen (Sub-)Populationen größer und zwischen den chinesischen (Sub-)Populationen geringer als in Indien.2. Nicht die Kasten, sondern die Stämme in Indien stellen "das größte genetische Experiment am Menschen" darIn Indien weist nun zusätzlich noch die ältere und hier offenbar auch noch besser erhaltene soziale und kulturelle Lebensform des "Stammes" eine geringere "innerstammliche" genetische Vielfalt auf - noch heute, als sowohl die Kasten in Indien als auch die "Populationen" in China. Das heißt, sie weist eine größere genetische Einheitlichkeit auf. Und die vielleicht in der Spätbronzezeit (um 1.500 v. Ztr.) auf der Grundlage vieler städtischer Vorgängerkulturen in Indien eingeführte soziale Lebensform der "Kaste" weist demgegenüber - also verglichen mit den indischen Stämmen - eher in Richtung Einebnung der genetischen Gruppenunterschiede. Diese genetische Einebnung ist aber bei den indischen Kasten noch nicht so weit gegangen, wie in China zwischen den verschiedenen Populationen.Würden sich diese Forschungen bestätigen, wären sie schon einmal einigermaßen frappierend. Welche Schlußfolgerungen aber könnten aus diesen Ergebnissen abgeleitet werden, zumal, wenn versucht wird, sie in Abgleich zu bringen mit den Ansätzen der Studie von 1983?Gadgil legte 1983 den Schwerpunkt der Argumentation auf die Tatsache der Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende langen Koexistenz von unterschiedlichen Gruppen, die durch die Umsicht und Sorgfalt ("prudence"), ja, Rücksichtnahme gegenüber der Ökologie ihres Lebensraumes und auch gegenüber jeweilig koexistierenden ethnischen Gruppierungen gekennzeichnet gewesen wäre. Jahrhunderte lange kulturelle Koexistenz hat hier also zusammen mit der Aufrechterhaltung der ethnischen Heiratsschranken zu einer prononcierten Verteilung der genetischen Gruppenvielfalt geführt.Führen Verwandten-Altruismus und/oder altruistisches Bestrafen zu Rücksichtnahme zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen in Indien?Ein weitergehender Gedankengang wäre: Größere genetische Einheitlichkeit innerhalb eines Stammes oder einer Kaste könnte Verwandten-Altruismus fördern... Read more »

  • June 9, 2009
  • 07:47 AM
  • 303 views

Humanevolution: WENIG Selektion?

by Ingo Bading in Studium generale

Berichtet "Bild der Wissenschaft" richtig?Soeben erschien im Online-Dienst von "Bild der Wissenschaft" ein journalistischer Artikel von Ulrich Dewald (BdW) zu neuen humangenetischen Forschungen (1, PLoSGenetics, frei verfügbar), die von Dewald sehr mißverständlich folgendermaßen zusammengefaßt werden:Selektionsdruck spielte bei der Entwicklung des modernen Menschen nur eine geringe Rolle. Die genetischen Unterschiede bei modernen Menschen sind kein alleiniges Produkt des evolutionären Selektionsdrucks, bei dem der Stärkere oder Gesündere gegen den Schwächeren durchsetzt. Viel stärker haben die in der Menschheitsgeschichte häufigen Wanderungsbewegungen die Variationen im genetischen Code von Menschen unterschiedlicher Herkunft geprägt. (...)Einen viel größeren Effekt auf die Ausbreitung neuer Genvarianten als die natürliche Selektion hatten die Wanderungsbewegungen, die es in der Menschheitsgeschichte seit vielen Jahrzehntausenden immer wieder gegeben hat, schließen die Forscher aus ihren Analysen. Die Selektion an sich war nicht stark genug, um eine feine Anpassung der menschlichen Populationen an die jeweiligen lokalen Umweltbedingungen zu bewirken, erklärt Jonathan Pritchard, einer der beteiligen Forscher. Die Ausbreitung neuer genetischer Merkmale folgte vielmehr den Strömen von Aus- und Einwanderern, die neue Siedlungsgebiete erschlossen und sich mit anderen Menschengruppen und Volksstämmen vermischten. Ist Gruppenselektion keine Selektion?Hier scheint doch insgesamt ziemlich klar zu kurzatmig gedacht zu werden. Haben denn Wanderungsbewegungen, Überlagerungen, Schichten- und Klassenbildungen nichts mit unterschiedlicher Fitneß und damit mit Selektion zu tun? Diese Frage wurde schon verschiedentlich auf "Studium generale" in früheren Beiträgen thematisiert (zuletzt hier) und muß doch mehr oder weniger klar verneint werden.Vielmehr handelt es sich doch bei ihnen fast immer um Vorgänge, die mehr oder weniger deutlich in Zusammenhang mit dem Konzept der Gruppenselektion gebracht werden können. (Das Konzept der Gruppenselektion wurde gerade erst wieder bei "Zoon politikon" aufgrund eines neuen "Science"-Artikels von Samuel Bowles thematisiert -- hier).- Das sollte man sich also einmal genauer anschauen. Bekannte Namen unter den heute lebenden Humangenetikern waren es, die sich zusammentaten (1), um eine sehr grundlegende Frage zu beantworten. Namen wie Luigi Luca Cavalli-Sforza (siehe Bild links), Marcus W. Feldman und Jonathan K. Pritchard haben sich zusammengetan, um die vergleichsweise grundlegende Frage zu beantworten:"How effective has selection been at driving allele frequency differentiation between continental groups?"In Beantwortung dieser Frage schreiben die Forscher:The first pattern, the “non-African sweep”, is exemplified by a sweep near the KIT ligand gene (KITLG). It has been reported previously that HapMap Europeans and East Asians have undergone a selective sweep in the KITLG region on a variant that leads to lighter skin pigmentation. Haplotype patterns in the HGDP indicate that a single haplotype has swept almost to fixation in nearly all non-African populations. More generally, at SNPs that strongly differentiate the HGDP Yoruba from both the Han and French, we observe that typically one allele is rare or absent in all the HGDP Africans, and at uniformly high frequency across Eurasia, the Americas, and usually Oceania. This pattern could be consistent either with sweeps across all the HGDP African populations, or with non-African sweeps that pre-date the colonization of the Americas some 15 KYA. As outlined below, it seems that in fact most of these signals are, like KITLG, due to non-African sweeps.The second pattern, the “west Eurasian sweep” is illustrated by a nonsynonymous SNP in the SLC24A5 gene. The derived allele at this SNP is also strongly associated with lighter skin color and has clear signals of selection in the HapMap Europeans and in the Middle East and south Asia. The derived allele is also at high frequency in US-sampled Indian populations, supporting the idea that the sampled Indian populations may be similar to the western eurasian HGDP populations at selected as well as neutral SNPs. The derived allele is near fixation in most of the HGDP Eurasian populations west of the Himalayas, and at low frequency elsewhere in the world. More generally, alleles that strongly differentiate the French from both the Han and Yoruba are typically present at high frequency across all of Europe, the Middle East and South Asia (an area defined here as “west Eurasia”), and at low frequency elsewhere. This pattern of sharing across the west Eurasian populations is highly consistent with observations from random markers showing that the populations in west Eurasia form a single cluster in some analyses of worldwide population structure. Allele frequencies at high- FST SNPs in two central Asian populations, the Uygur and Hazara, tend to be intermediate between west Eurasia and east Asia, consistent with observations that these populations have recent mixed ancestry between west Eurasia and east Asia.Finally, the “east Asian sweep” pattern is defined by SNPs that differentiate the Han from French and Yoruba. One example is provided by a nonsynonymous SNP in the MC1R gene, for which the derived allele is at high frequency in the east Asian and American populations, and virtually absent elsewhere. MC1R plays an important role in skin and hair coloration, although the functional impact of this variant in MC1R–if any–is unknown. A nonsynonymous SNP in the EDAR gene that affects hair morphology shows a very similar geographic pattern. It is interesting that although west Eurasians and east Asians have both evolved towards lighter skin pigmentation, they have done so via largely independent sets of genes. This suggests that favored mutations have not spread freely between the two regions.It should be noted that rare examples of strong frequency clines within geographic regions do exist, in contrast to the sharp steps seen in Figure 3. For example, SNPs in the lactase and Toll-like receptor 6 gene regions are among the most differentiated SNPs between the French and Palestinian populations and are strongly clinal across Europe. However, these clinal alleles do not appear in Figure 3 because the values for these SNPs between the Yoruba, French and Han are less extreme than for the SNPs in Figure 3. We suggest that these alleles may represent relatively recent selection events that have not yet generated extremely large frequency differences between continental groups or had time to disperse more evenly across a broad geographic region.Abrupte und fließende Übergänge in der geographischen Verteilung von GenenHier werden also einerseits Gensequenzen charakterisiert, die jeweils Haut- und Haarfarbe hervorrufen und deren geographische Verteilung zwischen den Kontinenten sich vergleichsweise abrupt ändert - abgesehen von kleineren Mischbevölkerungen wie den Uiguren und Hazara in Zentralasien. Von diesen kontinentalen Gen-Unterschieden (die also "Rassen" unterscheiden) kann angenommen werden, daß sie schon sehr früh evoluierten und sehr alt sind. Überraschenderweise sind dabei Gene für helle Haut in Ostasien und Europa unterschiedlich evoluiert.Andererseits werden Gensequenzen charakterisiert, deren geographische Verteilung sich graduell ("clinal") ändert, also fließende Übergänge aufzeigt. Als Beispiel wird das viel zitierte Erwachsenen-Milchverdauungs-Gen genannt. Die graduell unterschiedliche Häufigkeitsverteilung von Nordeuropa nach Süden weist nach Ansicht der Forscher auf ein jüngeres Entstehungsdatum hin. Und dann machen die Forscher noch auf einen anderen wichtigen Umstand aufmerksam:Although there should be sets of populations that share particular selective pressures despite not being closely related, the data do not provide obvious examples of this. For example, recall that within Eurasia, the geographic distribution of the skin pigmentation locus SLC24A5 agrees with population structure estimated from neutral markers, rather than with latitude or climate.Nicht das Klima, sondern Prozesse der Gruppenselektion formten den MenschenDas steht in mehr oder weniger auffälligem Unterschied zu bisherigen Annahmen über die Humanevolution: Die genetischen Populationsunterschiede sind also weniger mit einer sehr direkten Anpassungen an das Klima vor Ort in Zusammenhang zu bringen, eine Anpassung, die sich dann auch graduell mit dem K... Read more »

Coop, G., Pickrell, J., Novembre, J., Kudaravalli, S., Li, J., Absher, D., Myers, R., Cavalli-Sforza, L., Feldman, M., & Pritchard, J. (2009) The Role of Geography in Human Adaptation. PLoS Genetics, 5(6). DOI: 10.1371/journal.pgen.1000500  

  • June 1, 2009
  • 05:54 AM
  • 284 views

Die früheste Hirse in Europa und Asien

by Ingo Bading in Studium generale

Hirse war das Grundnahrungsmittel fast aller Völker der Vorgeschichte. (s.a. Wiki engl.) Sie wurde in Europa erst in der Frühen Neuzeit - unter anderem - durch die Kartoffel verdrängt. In Afrika wird noch heute aus ihr das Pombe-Bier gebraut. Wo aber wurde diese Getreideart zum ersten mal domestiziert?Um 5.700 v. Ztr. breitete sich die Kultur der Bandkeramik vom Plattensee aus in wenigen Jahrhunderten über ganz Mitteleuropa, das heißt, über ein Gebiet von der Ukraine bis zur Kanalküste aus. Es handelte sich um die erste vollneolithische Bauernkultur Europas mit domestizierten Schweinen, Rindern und verschiedenen Getreidesorten, sowie großen, rechteckigen Langhäusern und einer Bevölkerungsdichte, die in Mitteleuropa erst wieder im Frühmittelalter erreicht wurde. Zu den Getreidesorten der Bandkeramiker gehörte ebenfalls schon die Hirse. (1)Sie findet sich in deutschen Fundstätten dieser Zeitstellung in Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen. (1) Domestizierte Hirse finden die Archäologen aber zu gleicher Zeit (etwa 5.500 v. Ztr.) ebenfalls im Vorderen Orient, in Ägypten, auf dem Balkan, im Kaukasus und - in Nordchina (siehe Karte, entnommen aus: 1).Dieser Umstand wirft einmal mehr die Frage auf nach etwaigen Fernkontakten zwischen den frühen Bauernkulturen Europas und Nordchinas, für die es schon anderweitig zahlreiche archäologische und humangenetische Hinweise gegeben hat. Auf diese war schon im März 2007 auf "Studium generale" hingewiesen worden. (Stud. gen. 1, 2) (In dem Zusammenhang besonders wichtig erscheint der Aufsatz des Mainzer Archäologen Detlef Gronenborn in "Archäologie in Deutschland" - pdf., frei zugänglich.) In "PNAS" vom 5. Mai dieses Jahres heißt es nun in einem Kommentar zu einer neuen Studie (S. 7271):Today, these grains are important mainly in parts of Russia, South Asia, and East Asia. How, when, and in what settings these millets initially evolved is not well known.Keine abschließende Klärung bislangAlso auch diese neue Studie (2) zeigt zwar auf, daß Kolbenhirse (Setaria italica) (engl. foxtail millet) und Rispenhirse (Panicium miliaceum) (engl. broomcorn) in Nordchina schon zwischen 8.300 und 6.700 v. Ztr. angebaut worden sein sollen. Und die Forscher schreiben abschließend:Our study shows that common millet appeared as a staple crop in northern China 10,000 years ago, suggesting that common millet might have been domesticated independently in this area and later spread to Russia, India, the Middle East, and Europe.Aber ob damit die Hirse in China und im Vorderen Orient unabhängig voneinander domestiziert worden ist, wie es durch diese Daten nahegelegt werden würde - oder von China nach Europa importiert wurde - ist, wenn man alle Äußerungen zusammen nimmt (siehe auch: 1), auch mit dieser Studie offenbar noch keineswegs abschließend geklärt. - Wenn aber die Kultur der Bandkeramik aufgrund ihrer späteren Zeitstellung als Vermittler nach Nordchina ausgeschlossen werden kann, wie nun diese neue Studie nahelegt, dann würden doch mancherlei weitere Argumente zumindest für eine unabhängige Domestikation in China sprechen.Da sind nun einfach die weiteren Ergebnisse der Forschung abzuwarten. Spannende Fragen bezüglich außergewöhnlich früher Zeiten in der Geschichte arbeitsteiliger, menschlicher Gesellschaften jedenfalls allemal.1. Hunt, H., Vander Linden, M., Liu, X., Motuzaite-Matuzeviciute, G., Colledge, S., & Jones, M. (2008). Millets across Eurasia: chronology and context of early records of the genera Panicum and Setaria from archaeological sites in the Old World Vegetation History and Archaeobotany, 17 (S1), 5-18 DOI: 10.1007/s00334-008-0187-12. Lu, H., Zhang, J., Liu, K., Wu, N., Li, Y., Zhou, K., Ye, M., Zhang, T., Zhang, H., Yang, X., Shen, L., Xu, D., & Li, Q. (2009). Earliest domestication of common millet (Panicum miliaceum) in East Asia extended to 10,000 years ago Proceedings of the National Academy of Sciences, 106 (18), 7367-7372 DOI: 10.1073/pnas.0900158106... Read more »

  • May 31, 2009
  • 05:16 AM
  • 360 views

Das Altruismus-Gen von Volvox gefunden

by Ingo Bading in Studium generale

Viele Kritiker der Soziobiologie bemängeln, daß die Soziobiologie nur "schöne Geschichten" erzählen würde, und daß der Weg vom ("egoistischen" oder "Altruismus"-) Gen zum Phänotyp (dem Verhalten) viel zu komplex wäre, als daß dieses "Geschichten-Erzählen" als wesentlich mehr denn als "Ideologie" angesehen werden könnte. Nun, ob dieser Einwand schon bisher wirklich treffend war, bleibe an dieser Stelle einmal dahin gestellt. Auf jeden Fall wird ihm durch eine neue Studie in "Molecular Biology and Evolution" aus dem Jahr 2006 (1, im Netz frei zugänglich) eindeutig der Boden entzogen. *)Titel: "The Evolutionary Origin of an Altruistic Gene"! Und der Titel scheint exakt das zu halten, was er verspricht. Im Abstract heißt es: "To our knowledge, this is the first example of a social gene specifically associated with reproductive altruism, whose origin can be traced back to a solitary ancestor."Es wird nämlich ein sehr urtümlicher Organismus untersucht, der schon in den berühmten "Vorträgen über Deszendenztheorie" von August Weismann eine wichtige Rolle spielte als Repräsentant einer wesentlichen Stufe der Evolution. Damit bekam dieser "Modellorganismus" auch in der Philosophie der Biologie des 20. Jahrhunderts eine nicht unbedeutende Rolle. Es handelt sich um einen der ursprünglichsten Mehrzeller, um die Grünalge "Volvox". (Später trat an ihre Seite der Schleimpilz Dictyostelium als Modellorganismus.)Volvox stellt einen der ursprünglichsten Mehrzeller dar, der arbeitsteilig strukturiert ist und damit den zwangsläufigen Alterstod kennt. Arbeisteilig heißt hier: Die Zellen teilen sich auf in Keimbahn (Fortpflanzungszellen) und Soma (sterbliche Körperzellen). Einzeller (z.B. Bakterien, einzellige Algen etc.) gelten in der Regel als "potentiell unsterblich", sie kennen höchstwahrscheinlich den gesetzmäßigen Alterstod nicht, ebensowenig wie die Fortpflanzungszellen aller Vielzeller (also die "Keimbahn"). Der gesetzmäßige, programmäßige Alterstod kommt mit dem Absterben der Zellhülle des Vielzellers Volvox erstmals in die Welt. Diese Zellhülle (das Soma), die die Fortpflanzungszellen (die Keimbahn) schützt, und die eine koordinierte Fortbewegung der "Zellkolonie", des Gesamtorganismus ermöglicht, stirbt nämlich dann, wenn sie platzt und die herangewachsenen Fortpflanzungszellen aus der Zellhülle heraus "ausschwärmen", um zu neuen Volvox-Individuen heranzuwachsen.Diese Zellen der Zellhülle verhalten sich also außerordentlich altruistisch. Sie verzichten auf Weiterleben, auf Unsterblichkeit zugunsten der Fortpflanzungszellen, die sie schützen und in nahrungsreiche Umwelt befördern, zugunsten also einer arbeitsteiligen Strukturierung eines neu entstehenden, komplexeren Gesamtorganismus. Die Trennung, das heißt Differenzierung zwischen Keimbahn- und Somazellen während des Heranwachsens der Zellkolonie durch Zellteilungen wird schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der "Individual-Entwicklung" der jungen Zellkolonie durch das Entwicklungs-Gen "regA" gesteuert. In der Arbeit heißt es: "... regA—a master regulatory gene that encodes a transcriptional repressor (Kirk et al. 1999) thought to suppress several nuclear genes coding for chloroplast proteins (Meissner et al. 1999). Consequently, the cell growth (dependent on photosynthesis) and division (dependent on cell growth) of somatic cells are suppressed. Because they cannot divide, they do not participate directly in the offspring but contribute to the survival and reproduction of the colony (Kirk 1998, p 62–4; Solari, Kessler, and Michod 2006; Solari et al. 2006)—in the same way that sterile workers do in a social insect colony. In other words, the somatic cells express an altruistic behavior , and regA (whose expression is necessary and sufficient for this behavior; Kirk et al. 1999) is an altruistic gene."Also dieses Gen schaltet offenbar die Bildung von Proteinen ab, die zur Photosynthese in den Grünalgen-Zellen notwendig sind. Diese Zellen verzichten dadurch auf eigenes Fortleben als unsterbliche, einzellige, unabhängige, selbstgenügsame Grünalgen-Zellen, um durch die dadurch gewonnene Spezialisierung einem Gesamtorganismus dienlich sein zu können."Which cells do not express regA and differentiate into germ cells" (also Keimzellen) "is determined early during embryonic development through a series of asymmetric cell divisions."Hier ein Foto mit mehreren Volvox-Kolonien (= einzelnen Volvox-Organismen). Eine Volvox enthält bis zu 16 Chlamydomonas-ähnliche (unsterbliche) Einzeller als Fortpflanzungszellen in seiner (sterblichen) Hülle. (Die Hülle besteht aus bis zu 2000 Einzelzellen.) Und die Forscher haben nun geschaut, ob schon der evolutionäre Vorgänger-Organismus, die einzellige Grünalge Chlamydomonas reinhardtii (siehe zweites Foto) (ebenfalls ein Modellorganismus) das genannte Gen besitzt.Sie stellten fest, daß dieses Gen überraschenderweise auch hier schon vorliegt! Aber die Gen-Sequenzen unterscheiden sich sehr stark zu denen von Volvox. Dennoch stellte sich natürlich die Frage:"The presence of regA-like sequences in C. reinhardtii is puzzling at first; why would a unicellular individual suppress its own reproduction?"Also warum sollte ein einzelliges Individuum (durch dieses Gen) seine eigene Fortpflanzung unterdrücken? Sie stellten dann fest: In der normalen Entwicklung wird dieses Gen bei Chlamydomonas gar nicht abgelesen. Dann machten sie aber den entscheidenden Versuch, indem sie sie bei Dunkelheit leben ließen. Leben diese einzelligen Grünalgen bei Dunkelheit, so stellten sie nun fest, dann wird dieses Gen auch bei ihnen abgelesen, um die Bildung von Chloroplasten zu verhindern. Chloroplasten sind ja jene Zellorganellen, in denen die Photosynthese stattfindet. Sie sind ja bei Dunkelheit nutzlos und überflüssig.Um es also allgemeiner auszudrücken: Altruismus heißt bei Volvox, auch dann auf Photosynthese zu verzichten, wenn Licht da ist. Das ist ein ganz erstaunliches Ergebnis. Insbesondere vor dem Hintergrund, daß offenbar schon vorhergehende Forschungen es haben klar werden lassen, daß dieses Gen allein ausreichend ist, um die Zelldifferenzierung bei Volvox in Gang zu setzen. Natürlich muß Volvox dann noch zahlreiche andere Gene ablesen, um die koordinierte Bewegung seines Zellverbandes zu steuern.Aber dennoch: Es scheint, als wäre dies das erste mal, daß ein so grundlegender pflanzen-physiologischer Vorgang wie die Photosynthese mit einem so grundlegenden verhaltensbiologischen Konzept wie dem des Altruismus in einen so unmittelbaren und engen Zusammenhang hat gebracht werden können.Erstaunlich, daß die allgemeinere Wissenschafts-Berichterstattung es (wieder einmal?) versäumt hat, auf dieses Forschungsergebnis aufmerksam zu machen. Außerdem findet sich am Ende des Aufsatzes der Hinweis auf eine neue Fachrichtung, die sich "Soziogenetik" nennt (Sociogenomics) (Untertitel: "Sozialverhalten aus molekularer Sicht").1. Nedelcu, A. (2006). The Evolutionary Origin of an Altruistic Gene Molecular Biology and Evolutio... Read more »

Nedelcu, A. (2006) The Evolutionary Origin of an Altruistic Gene. Molecular Biology and Evolution, 23(8), 1460-1464. DOI: 10.1093/molbev/msl016  

  • April 30, 2009
  • 05:40 AM
  • 375 views

Intelligenz-Evolution und Genverdopplungen

by Ingo Bading in Studium generale

Intelligenz ist sowohl a) durch absolute Vergrößerung des Gehirns (in Relation zur jeweiligen Körpergröße einer Art) als auch b) durch Genverdoppelung von Nervensynapsen-Genen und das komplexere Zusammenwirken dieser Nervensynapsen-Gene evoluiert, wie durch den Vergleich der Gene und der Genablesung verschiedener Arten (Pilze, Fliegen, Mäuse, Menschen) gezeigt werden kann.... Read more »

Emes, R., Pocklington, A., Anderson, C., Bayes, A., Collins, M., Vickers, C., Croning, M., Malik, B., Choudhary, J., Armstrong, J.... (2008) Evolutionary expansion and anatomical specialization of synapse proteome complexity. Nature Neuroscience, 11(7), 799-806. DOI: 10.1038/nn.2135  

  • April 20, 2009
  • 05:06 AM
  • 390 views

Evoluierte der Mensch in unterschiedlichen Rassen zum Menschen?

by Ingo Bading in Studium generale

Ende der 1970er Jahre, kurz bevor die Genetiker (vor allem Allan C. Wilson) mit ihrer "mitochondrialen Eva" und ihrem "Y-chromosomalen Adam" zu erkennen begannen, daß der "anatomisch moderne Mensch", also alle heute lebenden Menschen, ursprünglich aus Afrika stammen, ist diese so genannte "Out-of-Africa"-These von dem Hamburger Anthropologen Günter Bräuer nur schon allein aufgrund umfangreicher und sorgfältiger Untersuchungen an afrikanischen Schädelfunden und deren behutsamer, anthropologischer Beurteilung formuliert worden. Darüber berichtet Bräuer neuerlich in einer seiner jüngsten Veröffentlichungen, wobei er die damaligen Erkenntnisse in Bezug setzt zum heutigen wissenschaftlichen Kenntnis- und Diskussionsstand. (1, frei zugänglich)Günter Bräuer (siehe Bild links) ist Schüler der Mainzer Anthropologin Ilse Schwidetzky und hatte aufgrund dessen eine solide anthropologische Ausbildung, die ihm auch erst das frühe und innovative Aufstellen der "Out-of-Africa"-These ermöglichte. (Siehe auch: idw)Günter Bräuer formulierte als einer der ersten die "Out-of-Africa"-TheseDie von Günter Bräuer erstmals aufgestellte "Out-of-Africa"-These ist inzwischen durch viele hunderte genetischer Studien bestätigt und erhärtet worden. Bräuer konnte sie aufstellen, weil er Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen afrikanischen und außerafrikanischen Schädelfunden (des späten afrikanischen Homo erectus, des frühen und späten archaischen Homo sapiens, des afrikanischen und eurasischen anatomisch modernen Homo sapiens der letzten Eiszeit, sowie des Neandertalers) miteinander verglich. Auch nachdem diese besser datiert hatten werden können als in früheren Jahrzehnten, wie er schreibt. (1)Die Studien von Bräuer, auch die neueste (1), lesen sich immer sehr spannend. Denn es gibt wohl heute international nur wenige Anthropologen, die zu der Thematik der Menschwerdung in Afrika genauere Detailkenntnisse und ein umfangreicheres Überblickswissen aufweisen als Bräuer. Bräuer beschreibt auch in der genannten jüngsten Veröffentlichung (1) wieder sorgfältig, genau und aus Detailerkenntnis heraus die anatomischen, evolutiven Prozesse, die sich zwischen 600.000 und 60.000 Jahren vor heute in Afrika - parallel zum Entstehen und Aussterben des klassischen Neandertalers in Europa - abgespielt haben. Er beschreibt dabei den Prozess der Menschwerdung aus anatomischer Sicht als einen mosaik-artigen, fließenden Übergangsprozeß, der mehrere hunderttausend Jahre dauerte, nicht als einen abrupten Bruch. Er unterscheidet dabei insbesondere frühe archaische Homo sapiens und schon evolutiv weiterentwickelte späte archaische Homo sapiens, die dann um 200.000 Jahre vor heute den Übergang zum anatomisch modernen Jetztmenschen vollzogen.Kein abrupter Bruch bei der Menschwerdung vor 200.000 Jahren erkennbar (aus anatomischer Sicht)Zur innerafrikanischen, geographischen Variabilität der Schädelfunde des anatomisch moderenen Menschen hat sich Bräuer fast immer nur sehr zurückhaltend oder gar nicht geäußert. (Siehe auch: Stud. gen. 1, 2, 3) - Neben anderen Forschern ist diese Frage nun eine Forschungsgruppe um den Wiener Anthropologen Gerhard W. Weber einmal auf's Neue angegangen (2). (Siehe auch idw, ORF, Pressetext, Uni Wien, G. Weber) Die Forschungsgruppe kommt zu dem Ergebnis, daß sowohl der Homo erectus als auch der Neandertaler einheitlichere anatomische Merkmale aufwiesen als schon der frühe anatomisch moderne Mensch, und daß schon der frühe Mensch in Afrika vor 200.000 Jahren eine ähnliche anatomische Variabilität (Vielfalt) aufwies, wie sie auch heute noch weltweit in den Menschenrassen wiederzufinden ist.Das würde heißen, daß Menschsein immer schon gleichbedeutend war auch mit genetischer und anatomischer Gruppenvielfalt - und zwar als eine recht einzigartige Sache, nämlich im Gegensatz zum "Neandertaler-Sein" und auch im Gegensatz zum Sein des Homo erectus. Daß der Jetztmensch - auch schon der frühe afrikanische - größere anatomische Gruppenvielfalt aufweist als die Menschenaffen, dürfte zunächst auch einfach nur an der größeren geographischen Verbreitung schon allein innerhalb Afrikas liegen. Aber Neandertaler und Homo erectus wiesen ähnlich weite geographische Verbreitungsgebiete auf, eben ohne eine vergleichbare anatomische Gruppenvielfalt auszubilden. Vor 200.000 Jahren könnte also bei der Entstehung des Jetztmenschen und seines großen Gehirns sich auch psychisch etwas geändert haben, das in Richtung auf die Evolution unterschiedlicher Menschenrassen hinwirkte. Dafür gibt es ja auch aus vielen anderen Forschungsbereichen inzwischen viele Hinweise, die diese Erkenntnis bestätigen und bekräftigen.1. Bräuer, G. (2008). The origin of modern anatomy: By speciation or intraspecific evolution? Evolutionary Anthropology: Issues, News, and Reviews, 17 (1), 22-37 DOI: 10.1002/evan.201572. Gunz, P., Bookstein, F., Mitteroecker, P., Stadlmayr, A., Seidler, H., & Weber, G. (2009). Early modern human diversity suggests subdivided population structure and a complex out-of-Africa scenario Proceedings of the National Academy of Sciences, 106 (15), 6094-6098 DOI: 10.1073/pnas.0808160106... Read more »

Gunz, P., Bookstein, F., Mitteroecker, P., Stadlmayr, A., Seidler, H., & Weber, G. (2009) Early modern human diversity suggests subdivided population structure and a complex out-of-Africa scenario. Proceedings of the National Academy of Sciences, 106(15), 6094-6098. DOI: 10.1073/pnas.0808160106  

  • April 17, 2009
  • 03:15 AM
  • 354 views

Joachim Bauer hat recht: Genomverdoppelungen und Evolution

by Ingo Bading in Studium generale

Zwei neue Forschungs-Studien zum Thema erschienen

Die Erkenntnis, daß die Genome fast aller Organismen, auch ein so vergleichsweise kleines Genom wie das des Ackerkrautes Arabidopsis, in der evolutionären Vergangenheit diverse Genom-Verdopplungsereignisse hinter sich haben - eine Erkenntnis, die sich erst in den letzten zehn Jahren unter Genetikern und Evolutionsforschern allgemeiner ausgebreitet hat - wirft zahlreiche spannende und neue, fruchtbare Forschungsfelder auf. Sie ist erstmals übrigens in ihrer grundlegenden evolutionären Bedeutung formuliert worden von dem japanischen Genetiker Susumo Ohno 1970. (1)... Read more »

  • February 17, 2009
  • 05:25 AM
  • 347 views

Der Buntbarsch, der Gentleman

by Ingo Bading in Studium generale

In dem Buch "Life's Solution - Inevitable Humans in a Lonely Universe" (2004) (inzwischen auch auf Deutsch erschienen) nennt Simon Conway Morris als eines unter unzähligen anderen Beispielen für "konvergente Evolution" die Evolution arbeitsteiliger Gesellschaften, und zwar nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Insekten oder den Nacktmullen. Seine Aufzählung war aber noch nicht vollständig. In den letzten Jahren wurden auch arbeitsteilige Gruppen bei den ostafrikanischen Buntbarschen festgestellt. Hier gibt es Gruppen von bis zu 30 oder mehr Einzeltieren, die sich arbeitsteilig gliedern und ein gemeinsames Territorium verteidigen. Zum Beispiel bei der Art Neolamprologus tetracanthus (siehe Bild). Die ostafrikanischen Buntbarsche allgemein sind ja auch deshalb von so großem Interesse, weil sie ein Beispiel für "jüngste Evolution", also innerhalb der letzten Jahrzehntausende sind. (Siehe frühere Beiträge auf Stud. gen..) Denn viele ostafrikanische Seen mit ihrer einzigartigen Buntbarsch-Artenfülle waren vor wenigen tausend, bis zehntausenden Jahren ausgetrocknet. Eine spannede Studie in der Zeitschrift "Journal of Ethology" (1) berichtet: Bei Neolamprologus tetracanthus verteidigt ein Buntbarsch-Männchen ein Revier, das aus den Territorien mehrerer seiner Buntbarsch-Weibchen besteht. Aber das Männchen selbst meidet die Jagd-Territorien der eigenen Weibchen (die es jedoch gegen Fremde verteidigt), wenn es selbst auf Jagd geht. Also offenbar ein Verhalten, "gentleman-like" wie es gar nicht besser sein kann. Im folgenden die Skizze der Territorien-Aufteilung nach der genannten Studie. Die dicken durchgezogenen Linien sind die Territorien der Männchen mit Harem, die dicken gestrichelten Linien die der Männchen ohne Weibchen. Die dünnen Linien sind die Territorien der Weibchen: In der Zusammenfassung des Artikels heißt es: We studied foraging site partitioning between the sexes in Neolamprologus tetracanthus, a shrimp-eating Tanganyikan cichlid with harem-polygyny. Females maintained small territories against heterospecific food competitors within large territories of males, foraging exclusively at the inner side of their own territories (foraging areas). Males fed as frequently as females in their own territories, but mostly outside female foraging areas, although they frequently entered female territories and repelled food competitors from the territories. Soon after removal of the resident females, however, harem males, as well as many food competitors, invaded the vacant territories and intensively devoured prey of female foraging areas. This indicates that although female foraging areas appear to contain more food than outside the areas, harem males refrained from foraging there when the resident females were present. We suggest that harem males will attempt to keep female foraging areas in good condition, whereby they may get females to reside in male territories and/or promote female gonadal maturation. Und im Diskussionsteil heißt es: Although harem males entered female territories without receiving any agonistic behavior from the territory owners, they did not forage actively in female foraging areas when females were present. However, after female removal, the males intensively foraged in female foraging areas of the vacant territories, indicating that the presence of females discouraged males from feeding in the foraging areas. Sicherlich werfen diese arbeitsteiligen Buntbarsch-Gesellschaften noch viele weitere Forschungsfragen auf. Auch wird erkennbar, daß "Single-Mütter" bei Buntbarschen (siehe Stud. gen.) möglicherweise in einem Kontinuum von verschiedenen Formen der Kooperation zwischen Männchen und Weibchen bei Buntbarschen angesiedelt sein können - und vielleicht gar nicht einmal im strengen Sinne "Single-Mütter" sein müssen.(Leicht überarbeiteter Beitrag aus dem alten Blog "Studium generale".)1. Kazunori Matsumoto, Masanori Kohda (2006). Male foraging avoidance in female feeding territories in a harem polygynous cichlid in Lake Tanganyika Journal of Ethology, 25 (1), 21-27 DOI: 10.1007/s10164-006-0200-z... Read more »

  • February 4, 2009
  • 04:09 AM
  • 383 views

Darwin, das hättest Du nicht gedacht, oder?

by Ingo Bading in Studium generale

Die verrückte Evolution der BuntbarscheIch möchte hiermit auf einen spannenden Artikel von Axel Meyer aufmerksam machen, ein Artikel, der mir zur Zeit einer derjenigen zu sein scheint, die besonders dicht an innovative Forschungen in der Biologie heranführen. Erschienen am 16. Dezember 2008. (1) (frei zugänglich --- pdf.)Natürlich wissen wir schon seit längerem, daß die Erforschung der ostafrikanischen Buntbarsche, die Erforschung von "Darwin's Traumsee" von nicht geringer Bedeutung ist für Fragen der Evolutionsforschung ganz allgemein. Schnelle Evolution von vielen Arten auf engem Raum und gefähr in der gleichen Zeitspanne, in der die menschlichen Völker und Rassen evoluiert sind - merkwürdigerweise eben dort, wo auch die Evolution des Jetztmenschen ihren Ausgang nahm: in Ostafrika. Was aber manchem noch entgangen sein könnte bislang, das sind die jüngsten, sehr bedeutenden Fortschritte auf diesem Gebiet. Über diese kann man sich in dem genannten neuen Review-Artikel des Konstanzer Buntbarsch-Spezialisten Axel Meyer und Koautor hervorragend informieren. (Zu Axel Meyer allgemeiner, auf St.gen. -- hier.)1. Kreuzungen zwischen Buntbarsch-Arten oft möglichIch will kurz referieren, was ich aus diesem Artikel an Neuem entnehme, was mir bislang noch nicht bekannt war. Das sind nämlich vor allem Fragen genetischer Ähnlichkeit und Unterschiedlichkeit. Da ist zum einen die Tatsache, daß offenbar viele Buntbarsch-Arten miteinander gekreuzt werden können, zumindest unter Laborbedingungen, daß also die Artgrenzen hier mitunter noch nicht so streng sein müssen wie zwischen vielen anderen Arten sonst im Organismen-Reich. Das wäre ebenfalls ein Hinweis darauf, daß wir hier der Evolution wohl ziemlich gut "hinter die Kulissen" schauen können. 2. Buntbarsch-Arten sind sich genetisch ähnlicher als Menschen unterschiedlicher EthnienWas aber vor allem ganz neu ist, das sind die Ergebnisse von vergleichenden Genom-Studien zwischen verschiedenen Buntbarsch-Arten, vor allem von fünfen derselben durch eine Arbeitsgruppe, und die anschließenden Fragen und Forschungen, die sich daraus weiter ergeben. Und darüber schreiben Meyer und Koautor nun:These five species of Lake Malawi haplochromine cichlids were from as different lineages as can be found in this adaptive radiation and represented hugely different lifestyles and, yet, they were genetically more similar than humans of different ethnic groups or different laboratory strains of zebrafish. Because of the remarkable genetic homogeneity of cichlids, the large numbers of genetically extremely similar species of haplochromine cichlids have long been called natural experiments or ‘natural mutagenesis screens’.Das heißt also, die untersuchten fünf Buntbarsch-Arten, die unterschiedlicher nicht sein können von ihren Lebensweisen und Morphologien her gesehen, sind sich genetisch ähnlicher als Menschen unterschiedlicher ethnischer Gruppen. Also: eine große genetische Ähnlichkeit trotz großer morphologischer und verhaltensmäßiger (phänotypischer) Unähnlichkeit. Und jetzt stellt sich natürlich die Frage, wie die Evolution hier arbeitet, und ob die Evolution nicht immer und überall schon so gearbeitet hat, allerdings selten so gut beobachtbar wie hier, in "Darwins Traumsee(n)".3. Wie funktionieren die "regulativen Elemente" des Genoms?Wenn also die Ursachen für die Unterschiede zwischen den Buntbarsch-Arten gar nicht so arg leicht in unterschiedlichen Protein-kodierenden Genomsequenzen selbst zu finden sind - wo wohl dann? Nun, wir wissen spätestens seit Sean B. Carroll, daß es da noch mehr geben muß. Kein Wunder also auch, daß sich die Aufmerksamkeit der Buntbarsch-Forscher auf die "regulativen Elemente" des Genoms richtet. Meyer und Koautor schreiben:The evolution of regulatory elements is believed to be a particularly fast and effective means of very rapid phenotypic diversification. Und an dieser Stelle zitieren sie einen Aufsatz von Sean B. Carroll in "Cell", auch von 2008, den man sich noch einmal genauer wird anschauen dürfen. (Sie schreiben dazu: "The author develops verbal models of the genetic basis of phenotypic diversification." - Soll wohl im Klartext heißen: "verbal models" und sonst leider noch nicht sehr viel mehr.) - Dann weiter:Larger, more representative data sets on regulatory elements and their evolution in cichlid genomes are still lacking, so it is not clear at this point as to whether there is anything special happening in the genomes of cichlids in regard to regulatory evolution. The limited information on this that has been collected so far would appear to suggest that the presence/absence of putative regulatory elements and even micro-RNA is variable and that those regulatory mechanisms are possibly rather quickly evolving, particularly in terms of neo-functionalization and the complementary fixation of regulatory elements in duplicated genes. 4. Wo und wie ist genetisch und epigenetisch die Entwicklung der Neuralleiste verschaltet?Und dann werden sie noch konkreter in ihren Vermutungen, indem sie auf die Besonderheit der Zellen der Neuralleiste ("neural crest") zu sprechen kommen, einer bestimmten Zellschicht im Embryo von Wirbeltieren, auf deren unterschiedlicher weiterer Entwicklung offenbar besonders viele morphologische Unterschiede zwischen Buntbarsch-Arten zurückgeführt werden könnten:Many of the above-mentioned phenotypic features that are unique to cichlid fishes, namely, morphologies of craniofacial structures (e.g. lips, jaw-shapes, and toothshapes) and body color variation, can be attributed to the patterns of differentiation of neural crest cells. In vertebrate embryos, neural crest cells, that delaminate from dorsal neural fold, migrate to programmed sites, where they differentiate into cephalic skeletal element (e.g. jaws), color pigments such as melanocytes and so on. In general, neural crest cells strongly contribute to the species-specific morphology of craniofacial regions of vertebrates.However, although the molecular regulatory factors for migration and differentiation of neural crest cells are relatively well studied, this aspect of cichlid biology has not been explored sufficiently. The first developmental studies about jaw and teeth development in cichlids through QTL analyses pointed toward a strong contribution of bone morphogenetic protein 4 (bmp4). These types of experimental approaches that use QTL or association analyses with genetic maps or entire genomic sequences promise in the near future to increase our understanding of molecular genetic basis of the rapid adaptive radiation of this fascinating group of organisms.Also viele der unterschiedlichen morphologischen Merkmale der Buntbarsch-Arten scheinen zurückgeführt werden zu können auf unterschiedliche Entwicklungswege, die schon in der embryonalen Phase eingeschlagen werden besonders in der genannten Neuralleiste (Wiki, Wiki engl.)Zur Abbildung: Konvergente Evolution von Buntbarschen im Tanganijka- und Malawi-See. - Das Spannende: Genetisch ähnelt jede Art den anderen Arten in ihrem eigenen See, morphologisch jedoch einer konvergeten Art in dem anderen See. - Darwin, das hättest Du nicht gedacht, oder? - Wahnsinn. (Doch, wer weiß, Darwin war Lamarckist ...)5. Und dann noch - - - konvergente Evolution in der "Hexenküche" Darwin's (oder Lamarcks?)Und dann behandeln Meyer und Koautor Fragen von konvergenter Evolution, Parallelevolution, ohne Simon Conway Morris überhaupt nur zu erwähnen. Und zwar dies unter der vielsagenden Kapitelüberschrift: Empty morpho-space and massive parallel evolution through re-awakening of developmental programs?Das sind die gleichen Fragen, die sich auch Conway Morris in seinem Buch gestellt hat (ein Buch, das Meyer für seine Kolumne "Quantensprung" allerdings nicht genau genug gelesen zu haben scheint). Und sie schreiben dann:Did evolution reuse the same developmental pathways to come up independently with similar developmental outcomes or did it find alternative ways to respond to similar ecological challenges? Our bet would be that evolution reawakened developmental pathways independently.Jedenfalls haben sie sicherlich vollkommen recht, wenn sie schreiben:The recognition that cichlid species flocks also provide a textbook example of parallel evolution or convergence opens up very interesting future research directions that can be addressed only through comparative developmental and genomic approaches.Viele der in diesem Review-Artikel zitierten Arbeiten dürften ebenso spannend sein, wie der Review-Artikel selbst, vor allem die diversen genetischen. Und wir kommen, wenn möglich, auf den einen oder anderen von ihnen noch einmal zurück.Literatur:1. S KURAKU, A MEYER (2008). Genomic analysis of cichlid fish ‘natural mutants’ Current Opinion in Genetics & Development, 18 (6), 551-558 DOI: 10.1016/j.gde.2008.11.002... Read more »

join us!

Do you write about peer-reviewed research in your blog? Use ResearchBlogging.org to make it easy for your readers — and others from around the world — to find your serious posts about academic research.

If you don't have a blog, you can still use our site to learn about fascinating developments in cutting-edge research from around the world.

Register Now

Research Blogging is powered by SMG Technology.

To learn more, visit seedmediagroup.com.